
| Geschichte |
von Uwe Roßner
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Was ist an der Ostsee so besonders?
Meere sind immer spannend. Sie sind immer Kontakt und Austauschzonen. In der Ostsee haben wir einen multi-ethnischen Raum. Das heißt, die Nachfahren der Germanen, die Balten, die Finno-Ugrier sind hier vertreten, aber auch andere, die später in diesem Raum zugereist sind. Hinzu kommt der Einfluss von auswärtigen Kulturen und ihre Verarbeitung oder deren Aneignung durch einheimische Künstler, Handwerker, Literaten und so weiter.
Was steckt und steht hinter Ihrem neuen Buch „Geschichte der Ostsee“?
Es steht für eine langjährige Beschäftigung mit der Ostsee. Sowohl meine, als auch die von Doktoranden des Graduiertenkollegs und von Kollegen. Damit verbunden ist auch, die Ostsee zu definieren oder etwas zu fassen. Man kann sie natur-räumlich von der Eiszeit bis zur Umweltverschmutzung in der Gegenwart denken. Von unseren Forschungen her stand immer der ökonomische, der politische und vor allem der kulturelle Kontext Ostsee im Mittelpunkt.
Welchen Zeitraum haben Sie betrachtet und wie haben Sie den Forschungsfokus der Geschichtswissenschaft in Greifswald erweitert?
Wir versuchen, die Wikingerzeit und die lange Spanne bis in die Gegenwart in den Blick zu nehmen. Das war der Ausgangspunkt, um die Ostsee als Raum des kulturellen Austauschs zu erfassen. Das haben wir beim ersten Graduiertenkolleg Kontaktzone Mare Balticum auch gemacht. Im Buch habe ich mich stärker mit der Gegenwart als bisher beschäftigt. Das ist reizvoll.
Warum?
Es gibt die EU-Ostseestrategie. Nach 1989 ist die Ostsee neu wahrgenommen worden. Dabei knüpft man immer an historische Vorbilder oder andere Zeiten an. Mit der EU-Osterweiterung wollten erstmals ehemalige sozialistische Länder wie Estland, Lettland, Litauen und Polen deren Mitglieder werden. Finnland und Schweden sahen, dass sie ihre Neutralität nicht mehr aufrechterhalten können. Seitens der EU galt es, die Ostsee stärker als bislang in ihrer Wahrnehmung zu verankern. Ab 2006, 2007 führte dies zu der neuen Strategie. Auf diesem Gebiet gibt es in der Aufarbeitung der Gesamtschau noch viel zu tun.
Wie lange haben Sie an ihrem Buch gearbeitet?
Es ist die Bilanz der letzten 20, 30 Jahre. Der Verlag wollte es immer von mir haben. In den letzten fünf Jahren wurde es dann konkreter.
Sie haben sehr früh, mit Ihrer Dissertation, den Fokus Ihrer Arbeit auf den Ostseeraum gelegt. Warum?
Ich habe Osteuropäische Geschichte und Slawistik studiert und war als Student in der Sowjetunion. Auch in Polen und den Baltischen Staaten. Das heißt, es war immer schon mein Forschungsinteresse. In Hamburg und Kiel habe ich mich auch mit der Hansezeit beschäftigt. Das finde ich weiterhin reizvoll. Die künftige Perspektive wird der Vergleich der Geschichte der Ostsee mit anderen Meeren sein. Beispielsweise mit dem Südchinesischen Meer.
Hat die Ostsee im bundesrepublikanischen Wissenschaftsbetrieb innerhalb der letzten 20 Jahre stärkeres Gewicht bekommen?
Das kann man sagen. Wir waren erfolgreich bei der Einwerbung von Drittmitteln durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, von der VW-Stiftung und der Thyssen-Stiftung. Das wäre uns ohne die Fokussierung und einen gewissen Nachholbedarf in der Forschung nicht gelungen.
Welche historischen Linien setzen sich im Ostseeraum fort oder haben sich erhalten?
Die Ostsee ist weiterhin eine sehr wichtige Schifffahrtslandschaft. Sie ist eine der am häufigsten befahrenen Meere. Der Austausch findet zum großen Teil auf Schiffen statt. Da hat sich wenig verändert. Der kulturelle Austausch über Ländergrenzen hinweg gehört dazu. Allerdings ist der heute deutlich einfacher als in der Frühen Neuzeit oder im 18. und 19. Jahrhundert. Es wurden auch immer wieder intellektuelle Wurzeln gepflegt. Auch zu sozialistischen Zeiten war der wissenschaftliche und künstlerische Kontakt nicht vollkommen abgerissen. Es gibt da ein gewisses Gefühl, dass man zusammengehört. Bereits im 18. Jahrhundert war die Ostsee eine westeuropäisch intellektuell geprägte Region. Alte Wissenschaftsbeziehungen des 19. Jahrhunderts werden wieder belebt.
Wie steht es in diesem Zusammenhang mit der Hanse?
Die erneute Wahrnehmung des Ostseeraums begann mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Björn Engholm. Er hatte die Idee einer neuen Hanse in einer Zeit, als an eine Wiedervereinigung beider deutscher Staaten nicht gedacht wurde. Das war 1987/ 1988. Es ging um eine Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher Weltanschauungen. Es wurde wenig später von den Ereignissen überholt. Die Idee ist natürlich da. Es gibt den Hansetag der Neuzeit. Die Hansestädte haben multilaterale Verbindungen geknüpft. Der Austausch ist dort intensiv. Neue Identitäten werden geschaffen, wenn beispielsweise eine Stadt wie Kaunas sich an ihre Hansevergangenheit erinnert. Die Hanse und Backsteingotik sind weiterhin prägend und werden wahrgenommen.
Was hat die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung den Historikern ermöglicht?
In Riga, Stettin, Danzig oder Greifswald hat man immer über die Ostsee geforscht. Die Zugänglichkeit von Museen und Archiven hat sich sehr verändert. Beim Greifswalder Graduiertenkolleg sind zum ersten Mal Lund, Greifswald und Tartu vertreten. Schweden, Deutschland und Estland forschen zusammen. Das wäre vorher nicht möglich gewesen.
Was ist in den vergangenen 20 Jahren passiert?
Einerseits sind Archivalien zum Teil zurückgekommen. Beispielsweise die ausgelagerten Stadtarchive von Tallinn und Reval. Gemeinsame Projekte wie zwischen Greifswald und Stettin konnten ins Leben gerufen werden. Überall kann man heute in den Archiven gut arbeiten. Genehmigungen, Visa und Empfehlungsschreiben sind dafür nicht mehr nötig. Innerhalb der EU sind die Grenzen bedeutungslos geworden. Dafür sind die Außengrenzen in Richtung Russland, Ukraine und Weißrussland verfestigt worden.
Seit wann gibt es den Ostseeraum-Schwerpunkt an der Universität Greifswald und wie hat er sich entwickelt?
Interessanterweise gab es ihn in Greifswald zu Zeiten der DDR. Damals lag er auf der Hanse, Schweden und dem Dreißigjährigen Krieg. Es gab viele internationale Kontakte und damit eine gewisse Tradition. Ich kannte die Kollegen alle schon ganz gut, bevor ich nach Greifswald kam und hatte mit ihnen zusammengearbeitet. 1995 habe ich das nur fortgesetzt und etwas inhaltlich ausgebreitet.
Welche Bedeutung hat dieser Forschungsschwerpunkt für Sie?
Interessanterweise gab es schon immer Ostseeraum-Forschung. Seit dem ersten Graduierten Kolleg im Jahr 2000, Kontaktzone Mare Balticum, ist dieser Forschungsschwerpunkt institutionalisiert. Das Großthema „Kulturelle Interaktion in Nord- und Osteuropa“ passt dabei wie die Faust aufs Auge. Wir wollen mit dem Schwerpunkt die Wissenschaftslandschaft beeinflussen. Greifswald hat als Universität das einzige Ostseeraum-Profil und auch einen der geisteswissenschaftlichen Forschungsschwerpunkte überhaupt auf diesem Gebiet an deutschen Universitäten. Gleichzeitig vernetzen wir uns innerhalb der Fakultäten, die auch daran arbeiten. In Zukunft versuchen wir, diese Dinge innerhalb der Universität stärker zu bündeln und damit einen Sonderforschungsbereich bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) einzuwerben.
Wie ist die öffentliche Sicht auf die Ostsee?
Die Universität Greifswald ist auf dem richtigen Weg. Dank des Pommerschen Landesmuseums und der Caspar David Friedrich-Vorlesungen am Alfried Krupp Wissenschaftskolleg ist die Ostsee relativ stark präsent. Auch die Greifswalder Bachwoche greift sie immer wieder auf. Mit der Konferenz Musica Baltica haben sich Musikwissenschaftler in Greifswald damit auseinandergesetzt. Da sind wir relativ präsent. Die Frage ist, inwieweit wir das im Land und in der Bundesrepublik kommunizieren. Dort spielt die Ostsee noch nicht die Rolle, die sie haben sollte. Das Buch ist ein Anfang.
Michael North: Geschichte der Ostsee – Handel und Kulturen. Beck‘sche Reihe, Verlag C. H. Beck, 448 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-406-62182-6.
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