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Kraftwerksgegner schwänzen Anhörung zum Bauprojekt

Volker Sachse ist außer sich. Mit einem ordentlichen Genehmigungsverfahren habe das doch nichts mehr zu tun, empört sich der Usedomer aus Karlshagen. „Wir streiten hier über ein Projekt, für das es nur einen Antragsteller, aber keinen Investor gibt!“ Und deshalb beantragt Sachse die sofortige Einstellung des Verfahrens.

Rund 570 Einwender wie Volker Sachse haben sich gegen das von den Energiewerken Nord (EWN) beantragte Bauprojekt für ein 1800-Megawatt-Gaskraftwerk ausgesprochen, für das am Montag im Ozeaneum Stralsund die öffentliche Erörterung begonnen hat. Höchstens 40Kraftwerksgegner erscheinen im nicht einmal halb gefüllten Konferenzsaal das Geschehen. Nach Absage der Umweltverbände NABU, BUND und der Bürgerinitiative gegen den Kraftwerksbau hätten viele Kritiker die weite und kostspielige Anfahrt zur Anhörung nach Stralsund gescheut, sagt Sachse.

Strittigster Punkt ist die Einleitung von Kühlwasser
EWN-Geschäftsführer Jürgen Ramthun, der gleich mit mehreren Anwälten angerückt ist, bedauert den Boykott des demokratischen Verfahrens. Er verweist auf die Entwicklung des ehemaligen KKW-Standortes Lubmin zu einem Wirtschafts- und Energiestandort, der mit der Anlandung der deutsch-russischen Ostseepipeline zu einem zentralen Gasknoten geworden sei. Deshalb wolle man das 2010 gescheiterte Steinkohle-Kraftwerks-Verfahren des dänischen Dong Energy-Konzerns fortsetzen und bis zur Genehmigungsreife für ein Gaskraftwerk vorantreiben. Später solle das baureife Projekt an einen jener Investoren verkauft werden, mit denen man gegenwärtig verhandle, sagt Ramthun.

Maximal neun Tage hat das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Stralsund für die öffentliche Erörterung angesetzt. Das Verfahren diene nur der Vorbereitung der Entscheidung durch die Behörde, unterstreicht der Tagungsleiter Christian Maaß am ersten Tag der Anhörung.

Einer der vermutlich strittigsten Punkte des Bau-Projektes ist die vorgesehene Kühlwasser-Einleitung in den Greifswalder Bodden. So ein Kraftwerk gehöre in Ballungsstandorte, wo über eine Kraft-Wärme-Kopplung ein deutlich höherer Wirkungsgrad erreicht würde, fordert Einwender Horst Thieme. Stattdessen aber soll das erwärmte Wasser in den als Heringslaichrevier besonders sensiblen Bodden fließen. Ob sich das positiv oder negativ auf die Fischerei auswirkt, darüber streiten die Experten.

Auch für den Chef des Landesverbandes der Kutter- und Küstenfischer, Norbert Kahlfuss, sind noch einige Fragen offen: „Was wir nicht verstehen, ist aber, dass als Ausgleich zum Bau des Gaskraftwerks Fischereieinschränkungen vorgesehen sind.“ So würden Begrenzungen von Stellnetzlängen um bis zu einem Drittel während der Heringslaichsaison angestrebt, um Enten zu schützen. „Das würde vielen Küstenfischern das wichtigste Standbein wegziehen“, warnt Kahlfuss.

Umweltschützer haben
Klage eingereicht

Kritik kommt auch vom Netzanbieter 50Hertz. Das Verfahren entbehre einer Rechtfertigung, wenn es keinen konkreten Zeitplan für die Investition gebe, sagt ein Firmensprecher. Das Unternehmen soll die Netzanbindung für die Windparks übernehmen, die in Lubmin anlanden soll. Die EWN versichern dagegen, dass das Kraftwerk keine Konkurrenz zu den geplanten Offshore-Windparks darstellen werde. Der Umweltschutzverband BUND, der die Teilnahme an der Anhörung abgesagt und schon eine Klage gegen das Projekt angekündigt hat, sieht Umweltgefahren für den Greifswalder Bodden, wenn das Kühlwasser des Spitzenlast-Kraftwerks sprunghaftartig in das Gewässer eingeleitet wird.

Ob die Anhörung wirklich – wie geplant – bis zum 6. Juni dauert, bezweifeln Beobachter inzwischen. Schon am Tag nach Anhörungsbeginn dürfte sich die Schar der Anwesenden noch einmal deutlich verkleinern.
 

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