
| Islam |
von Redaktion
|
Erste Überraschung: Es stimmt überhaupt nicht, dass Muslime mit Weihnachten nichts am Turban oder Kopftuch haben! Zwar ist ihnen unser großes Fest keine offiziellen Feiertage wert, doch aus dem Koran kennen sie Jesus und die Geschichte aus Bethlehem sehr wohl. Der Weihnachtsbaum, die Lichterketten und der Weihnachtsmann sind der islamischen Welt ebenfalls bekannt. Und so ist es auch für neu nach Vorpommern kommende Muslime, deren Heimat in der arabischen Welt liegt, kein echter Kulturschock, wenn sie über den Weihnachtsmarkt bummeln.
Das bestätigt uns Mariam Zemzemi. Sie möchte Zahnärztin werden, studiert in Greifswald. Zur Zeit nimmt sie an einem Studienkolleg teil, das sie vor allem sprachlich befähigen soll, erfolgreich in das Medizinstudium einzusteigen. Im vergangenen Jahr hat Mariam in Abu Dhabi die Hochschulreife erworben. Ihre Eltern, gebürtige Tunesier, leben seit einigen Jahren in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Vater hat in Frankreich studiert, sagt sie. Ein Mann also, für den Frauen, die selbstständig für ihren Lebensunterhalt sorgen, keine fremde Vorstellung sind. Er ermunterte Mariam auch, ihren eigenen Weg zu gehen.
Dass der sie bis nach Europa und in das entlegene Deutschland führen könnte, war dann aber doch eine kleine Sensation. Kontakte zu Westeuropäern waren aber auch Mariam Zemzemi nicht fremd. Die Sommerferien hat sie oft bei Verwandten in Tunesien verbracht, wo ihr Franzosen, Deutsche oder Italiener als Touristen über den Weg gelaufen sind. Menschen mit anderen Lebens- und Verhaltensweisen, die das Interesse der jungen Frau an deren Kulturen geweckt haben – ohne in Widerspruch zu den eigenen Sitten und Gebräuchen zu kommen. Sie sagt, in ihrer Familie gebe es eine recht liberale muslimische Lebensführung. So habe sie als Mädchen ihre Mutter weder verhüllt noch mit einem Kopftuch bedeckt erlebt. Als vorangeschrittener Teenager sei sie es selbst gewesen, die sich zum Tragen des Kopftuches entschlossen habe. Sie fühlt sich darin wohl und geborgen. Später tat es ihr die Mutter gleich.
Die ist es auch gewesen, die Mariam nach Deutschland begleitete. Erste Station ihres auf lange Zeit angelegten Aufenthaltes hier war die Harzstadt Clausthal-Zellerfeld. Dort erlebten Mutter und Tochter ihren ersten Winter. Nach drei Wochen ist Mariams Mutter dann der Meinung, dass ihre Tochter es auch alleine packt. Sie reist zurück nach Abu Dhabi.
Seither ist wohl kein Tag vergangen, an dem Mariam nicht mit ihrer Familie telefoniert hat. Per Internet-Telefonie kann man sich auch bildlich vom Wohlergehen des anderen überzeugen. Und vor den Herausforderungen des Studiums scheint der jungen Muslimin nicht bange zu sein.
Sie teilt sich mit einer deutschen Studentin die Wohnung, lernt Gemeinsamkeiten und das Anderssein kennen, auch deren vorweihnachtliche Gepflogenheiten. Vieles kann sie sich für die Zukunft vorstellen. Auch, dass sie in Deutschland bleibt und hier als Ärztin arbeitet. Ihrem Selbstverständnis will sie auch für diesen Fall treu bleiben. Da Jesus im Islam den Status eines großen Propheten einnimmt, gibt es für sie keinen Zwiespalt, seiner an Weihnachten zu gedenken und zuvor im bunten und lauten Weihnachtsrummel einzutauchen.
|
|