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Ein Job ist zu wenig: Immer mehr brauchen Zuverdienst

VonMathias Greisert

Viel Arbeit, wenig Lohn. Wie eine bundesweite Studie zeigt, bessern auch in der Region Teterow immer mehr Menschen ihren Lohn mit sogenannten Minijobs auf. Gewerkschafter sehen dazu nur eine Alternative.

Teterow.Im Morgengrauen Zeitung austragen, mittags Haare schneiden, abends Brot verkaufen. Immer mehr Menschen brauchen mehrere Jobs, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Eine bundesweite Untersuchung des Pestel-Instituts Hannover belegt das jetzt auch für die Mecklenburgische Schweiz. Für Studienleiter Matthias Günther ist der Trend zum Zweitjob Teil einer insgesamt beunruhigenden Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. „Laut Statistik gibt es zwar immer mehr Beschäftigte, aber die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden fällt gleichzeitig“, erklärt der Ökonom.
Wie die Studie anhand von Daten der Arbeitsagentur zeigt, ist in Mecklenburg-Vorpommern über die letzten Jahre vor allem die Zahl derer explosionsartig gestiegen, die das Einkommen aus ihrer Haupttätigkeit durch geringfügig entlohnten Nebenerwerb aufbessern. Taten das am 30. Juni 2003 noch 12724 Männer und Frauen, waren es zum gleichen Stichtag 2012 mit 27499 mehr als doppelt so viele.
In der Mecklenburgischen Schweiz liegen beispielsweise Malchin und Gnoien mit Nebenjobber-Zuwächsen von 115 Prozent genau im Landestrend. Auch in Teterow besserten im Juni 2012 mehr als doppelt so viele Arbeitnehmer ihre Einkommen mit einem Nebenjob auf wie neun Jahre zuvor.
Für Gewerkschafter wie den Rostocker Verdi-Chef Detlev Follack sind die Ursachen klar: In den meisten Berufen haben die geringen Lohnsteigerungen der letzten Jahre den Anstieg der Preise nicht ausgeglichen. „Bevor die Leute bei ihrem Jobcenter die Hosen runter lassen müssen, suchen sie sich lieber einen Zweitjob“, hat er beobachtet. Dazu komme, dass seit den Hartz-IV-Reformen immer mehr Arbeitgeber „die Stütze mit einrechnen“, kritisiert er. Statt einer Vollzeitstelle schafften viele lieber mehrere nicht sozialversicherungspflichtige Stellen. Immer mehr Menschen würden dadurch gezwungen, sich ihren Lebensunterhalt mit mehreren Jobs „zusammenzustoppeln“.
Da gerade in ländlichen Regionen wie der Mecklenburgischen Schweiz immer weniger Arbeitnehmer organisiert ihre Interessen vertreten, sieht der Gewerkschafter den Gesetzgeber in der Pflicht. Nur ein flächendeckender Mindestlohn könne die Beschäftigten vor dem Trend zu immer mehr immer kleineren Jobs schützen. Besonders im Dienstleistungsgewerbe, im Einzelhandel oder auch im Pflegebereich lägen die Stundenlöhne bisher zum Teil weit unter den von den Gewerkschaften geforderten 8,50 Euro. „In anderen Ländern mit Mindestlohn geht der Kapitalismus auch nicht unter, obwohl Deutschland sie mit seiner Niedriglohnpolitik unter Druck setzt.“

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