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Ein Leiden von Kummerow wandelt sich in Hoffnung

Von unserem Redaktionsmitglied
Thoralf Plath

Das alte Barockschloss, seit der Wende leerstehend und zur Ruine verfallen, steckt in einem Baugerüst. Damit hat kaum jemand noch gerechnet an Mecklenburg- Vorpommerns viertgrößtem See: Die Restaurierung von Schloss Kummerow beginnt.

Kummerow.Wenn es in der Vita eines Bauwerks Tage gibt, die das Zeug haben, historisch genannt zu werden, könnte dies einer sein. Man möchte der Stunde tiefblauen Frühlingshimmel wünschen, doch nur eine Amsel singt wacker gegen den griesen Landregen an aus dem Geäst einer jener Kastanien, die schon den Kummerower Park am See säumten, als es noch ein Schlosspark war.
Torsten Kunert hat für Amseln kein Ohr heute. Er hört den Handwerkern zu, die im Halbkreis einen schummrigen Raum ausfüllen, dem die alte Pracht abhanden gekommen ist. Es riecht nach Lehm und sehr altem Holz, doch diese Männer kennen das. Ein großer Bauplan macht die Runde, es geht um verfaulte Balken in der Mansarde, ob sie ganz rausmüssen oder nur zum Teil. Die Runde ginge gut als Gründungskonferenz durch für eines der ambitioniertesten Denkmalschutzvorhaben der Region: Die Restaurierung von Schloss Kummerow beginnt.
Am Anfang wird das Dach sein. „Es ist das A und O“, sagt Kunert. Der Berliner Immobilienkaufmann hat das barocke Ensemble am See vor zwei Jahren ersteigert. Die Zeit seither ging ins Land, um die schlimmsten Bausünden der letzten Jahrzehnte aus dem riesigen Gebäude räumen zu lassen, Betonfußböden massiv wie für Panzergaragen, eingezogene Wände. 35 Container voller Schutt kamen zusammen, während Kunert im ganzen Nordosten nach Baumaterial forschte – und fand. Allein 30 000 handgestrichene Biberschwänze liegen bereit, um das Mansardwalmdach in seiner historischen Form neu einzudecken. Dazu kommen 20 Gauben, original Barock. Die entdeckt zu haben, ist der Bauherr besonders stolz. „Mit den Gauben und dem Biberschwanzdach bekommt das Schloss viel von seinem alten Aussehen zurück. Und ein großes Stück seiner architektonischen Würde.“
Bis Mitte Oktober soll das restaurierte Dach fertig sein, so steht es in den Vorgaben, die Kunert den Handwerkern in die Aufträge schrieb – fast durchweg Firmen aus der Malchiner Region. Nur die Wahl des Architekten fiel auf einen Mann aus Berlin, der Bauherr vertraut ihm wegen seiner Kompetenz aus Denkmalpflegeprojekten.
Das, was Torsten Kunert in Kummerow vorhat, ist in vielerlei Hinsicht einzigartig. Gar nicht so sehr die anvisierte Nutzung als Nationales Fotografiemuseum. Gemeint ist eher der Weg dahin: Er ist gewissermaßen ein Ziel für sich. Denn ein Gestaltungskonzept, wie die Räume, Flure, Treppen und Fluchten des elfachsigen Baus letztlich miteinander korrespondieren, dieses Konzept wächst hier erst mit der Restaurierung. So vermied Kunert das Korsett eines zu eng gefassten Ziels, lässt sich Raum für kreative Freiheiten. Eine Prämisse hat er aber doch: Wo immer möglich historische Substanz zu erhalten. Brüche der Geschichte sollen konserviert werden, um sichtbar zu bleiben: skurrile Muster blätternder Farbe, Abbruchnarben, aufgepinselte Jungpionier-Losungen aus Zeiten, als das entadelte Schloss zur Polytechnischen Oberschule wurde.
Wie sich Kummerow als Ausstellungsort darstellen lässt, will Torsten Kunert schon 2014 testen, mit einer Bilderschau des Dresdner Künstlers Eberhard Göschel. Hundert Arbeiten wird das Gemeinschaftsprojekt mit dem Leonhardi-Museum umfassen – vor dieser Kulisse ein Kontrastprogramm.
Dann hat Schloss Kummerow schon ein neues Dach. Dächer machen Häuser.

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t.plath@nordkurier.de

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