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Ein Pumpstuhl made in Teterow

Gewusst wie: Karl-Heinz Meier schmuggelte aus dem Westen das entscheidende Zubehör für einen Pumpstuhl.  FOTO: Archiv
Gewusst wie: Karl-Heinz Meier schmuggelte aus dem Westen das entscheidende Zubehör für einen Pumpstuhl. FOTO: Archiv

VonJochen Lange

Damals war‘s: Eine Rüge musste der Teterower Friseurmeister ob seiner Eigeninitiative am Ende doch einstecken. Und aus einer Serienproduktion wurde nichts.

Teterow.Erfindungsreichtum, Improvisationskunst, Organisationstalent – auch wenn die DDR seit 23 Jahren Geschichte ist, schnell denkt man bei diesen Schlagworten doch an sie zurück. Mangel macht nun mal erfinderisch. Das ist nicht nur so dahin
gesagt, sondern gelebte Praxis. Der Teterower Karl-Heinz Meier schmunzelt. Heute. Denn wenn er an „Modern und Schick“ denkt, war ihm längst nicht immer danach.
„Modern und Schick“, so hieß die einstige Produktionsgenossenschaft des Friseurhandwerks, kurz PGH, in Teterow. Als deren Vorsitzender hatte Karl-Heinz Meier so manches Mal Organisationstalent und Erfindungsreichtum bewiesen. Etwa, als Ende der 1970er-Jahre die Dauerwellenflüssigkeit knapp geworden war, er seine Beziehungen spielen ließ und letztlich in Frauenwald im Thüringer Wald das bekam, was in den hiesigen Salons fehlte. Für Aufsehen sorgte vor allem die Geschichte mit dem Pumpstuhl.
„Zu DDR-Zeiten gab es keine Pumpstühle, die mit Luft arbeiteten, nur ölbetriebene“, erinnert Meier. Hinnehmen wollte er das nicht. Und so brachte er von einem Besuch im Westen einen Gasdruckzylinder mit nach Hause. „Den hatte ich offen in den Kofferraum gelegt. Die Grenzbeamten musterten ihn genau. Hatten aber nichts zu beanstanden. Da er Ähnlichkeit mit einem Stoßdämpfer aufweist, haben die sich wohl weiter nichts dabei gedacht“, vermutet der Teterower. Aus dem Schmuggelstück fertigte ihm dann Schlossermeister Edmund Schmiedecke einen Pumpstuhl. „Auf der Messe der Meister von morgen präsentierten wir das Unikat“, erzählt Karl-Heinz Meier. In „Serienproduktion“ ging es am Ende aber nicht. Auch wenn die Elektrotechnik Teterow diesen Pumpstuhl schon in größerer Stückzahl produzieren wollte. Doch dann mischten sich andere ein. „Es kam zu einer großen Zusammenkunft in Teterow. Der Staatsminister aus dem zuständigen Ministerium, Abgesandte der Handwerkskammer Neubrandenburg, Vertreter des Rates des Kreises und andere wichtige Leute machten mich vor der versammelten Mannschaft zur Schnecke“, denkt Meier zurück. Wie habe er eigenmächtig ohne vorherige Abstimmung aus dem Westen etwas einschmuggeln und es dann auch noch öffentlich ausstellen können, wurde ihm vorgeworfen – und sein Vorschlag, Pumpstühle herzustellen, abgelehnt.

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