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Fräulein Gerda verehrt den Chef noch heute

VonFrank Wilhelm

Als junge Frau hat Gerda Riebe die Proteste vor dem Teterower Amtsgericht miterlebt. Ihren damals inhaftierten Lehrmeister Helmuth Berger wird die Rentnerin nie vergessen.

Teterow.Der 17. Juni 1953 in der Teterower Firma Helmuth Berger, Sack-, Plan- und Seilerwarenfabrik begann ziemlich ruhig. Bis zwei Arbeiter von der Mühle Kirbach kamen, erinnert sich Gerda Riebe, die damals als Lehrling bei Berger arbeitete. Ihr Chef saß wie Mühlenbesitzer Kirbach seit Wochen wegen angeblicher Spekulationsgeschäfte ein – wie viele private Unternehmer. Mit dem Neuen Kurs beschloss die SED-Führung einen Großteil dieser Urteile wieder zu kassieren – auch in Teterow.
„Ihr sitzt hier noch so ruhig, wollt ihr euren Chef nicht abholen“, riefen die Kirbach-Arbeiter. Schnell wurde die Ehefrau Bergers informiert. Mit Blumen wartete sie gemeinsam mit der Buchhalterin der Firma und der Vorsitzenden der Betriebsgewerkschaftsleitung (BGL) vor dem Kreisgericht. Einige Stunden später sollten es Hunderte Menschen sein …
Eigentlich wollte Gerda Riebe Verkäuferin beziehungsweise Konditorin werden. Aber es klappte nicht mit der Lehrstelle. Aus politischen Gründen sei sie als junge Christin nicht genommen worden, sagt sie. Schon in ihrer Jugend sei sie ein kritischer Geist gewesen. Auch aufgrund der Kriegserfahrungen habe sie gemeinsam mit ihren Mitschülern „Nein“ gesagt, als esin der 8. Klasseum die Mitgliedschaft in der FDJ ging. Sie selbst wuchs mit der Kirchgemeinde auf, wurde konfirmiert und war mit 14Jahren bereits Helferin im Kindergottesdienst. Geprägt wurde sie vor allem vom damaligen Teterower Pastor Abshagen. „Er erzählte uns, was wirklich Sache ist. Einen seiner Sprüche werde ich nie vergessen: ’Alle Ismusse tragen die Diktatur in sich.’“

Trotz der schweren Arbeit wurde viel gesungen
Eher durch Zufall kam Gerda Riebe zur Firma Berger. Am 30. August 1951, einen Tag vor Beginn des Lehrjahrs, war sie immer noch ohne Lehrstelle. Sie stand im Buchladen Teterow, als Berger kam. Eine gute Bekannte aus der Kirchgemeinde machte den Unternehmer und das „Fräulein Gerda“, wie er sie später nannte, miteinander bekannt. Einen Tag später fing sie an. Bergers kleine Firma mit 20 Mitarbeitern nähte und reparierte Säcke für die Bauern im Kreis Teterow. Das erste Jahr arbeitete sie in der Produktion, lernte die schwierige Arbeit der Näherinnen kennen. „Obwohl es mühselig war, haben wir viel gesungen während der Arbeit. Wir waren ein singender Betrieb.“ Und eine Firma mit einer guten Mischung von Jung und Alt, Einheimischen und Flüchtlingen. 40 Prozent der Bevölkerung von Mecklenburg-Vorpommern waren Vertriebene, die aus den früheren deutschen Gebieten im heutigen Polen und Tschechien stammten.
Ab dem zweiten Lehrjahr war Gerda Riebe im Büro tätig, als rechte Hand Bergers. Dadurch gab es immer einen engen Kontakt mit den Landwirten, bei Berger bekam man die Probleme in der Landwirtschaft hautnah mit: Die Erhöhung des Abgabesolls für die Mittel- und Großbauern Anfang der 1950-er Jahre. Die beginnenden Kollektivierungen im Kreis. Die Verhaftungen von angeblichen Saboteuren. „Viele Bauern haben sich bei mir im Büro ausgeheult.“ Eines Tages wurde auch ihr Chef abgeholt. Der Vorwurf: Er soll sich am Volkseigentum vergangen haben. Auch sechs Jahrzehnte später hält Gerda Riebe die Vorwürfe für „kompletten Irrsinn“. Die Zuweisungen für Rohstoffe wie Hanf und Sisal waren genau eingeteilt. Ebenso mussten neue und reparierte Säcke nachgewiesen werden. „Da konnte man gar nicht betrügen“, ist sich Gerda Riebe sicher.

„Für mich beginnt der Arbeitstag um 4 Uhr“
Nach seiner Haft-Entlassung am 17. Juni 1953 wirtschaftete Berger erst einmal normal weiter. Die Zügel für Handwerker und Unternehmer waren etwas gelockert worden. Als dann aber Anfang 1954 die gesamte Jahreslieferung für Sisal an einem Tag und nicht wie gewöhnlich in mehreren Tranchen kam, geriet die Firma ins Trudeln. Die Lagerkapazitäten reichten nicht aus. „Alles musste mit einer Plane abgedeckt werden. ’Das ist das Ende‘, meinte mein Chef damals“, erinnert sich Gerda Riebe. Wenige Monate später starb er bei einem Unfall. Frau Berger blieb mit vier Kindern allein, arbeitete sich in die Firmengeschäfte ein. Bis 1959 existierte die Firma noch, wurde dann aber aufgelöst.
Gerda Riebe arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits als Katechetin in der Teterower Kirchgemeinde. Doch Berger wird wohl immer als Chef in ihrer Erinnerung bleiben, allein schon wegen seiner Arbeitseinstellung als Unternehmer: Immer noch bewundert sie seinen Fleiß, was sie ihm damals auch gesagt hat. Seine Entgegnung: „Für Sie Fräulein Gerda, beginnt der Dienst um 7.30 Uhr, für mich um 4 Uhr.“

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