Do. 02. August 2012
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Leute von Redaktion

Fünf Paar Schuhe zerschlissen

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Peter Bongardt in seiner traditionellen Zimmermannskluft. Die wird auf der Wanderschaft obligatorisch getragen. Selbst in Afrika war er darin unterwegs, allerdings nicht in den heißen Tropen, sondern tief im Süden. FOTO: Eberhard Rogmann
Von unserem RedaktionsmitgliedEberhard Rogmann

Einem mittelalterlichen Brauch folgend, geht der Zimmermann Peter Bongardt auf Wanderschaft durch Deutschland und Europa bis nach Kapstadt.

Belitz.Einheimisch gemeldet. Nach 1365 Tagen auf der Walz – das ist ein Grund zum Feiern. 16 Gesellen geben Peter Bongardt das Geleit zu seinem Elternhaus in Belitz. Mit einem zünftigen Gelage wird die Heimkehr gewürdigt. Seinem Heimatort hatte sich Peter Bongardt in den letzten Jahren auf 50 Kilometer nicht nähern dürfen. So schreiben es die Regeln des Fremden Freiheitsschachtes vor, unter dessen Siegel der junge Zimmermann auf Wanderschaft war. Ganz der Tradition verpflichtet in der schwarzen Kluft mit dem Charlottenburger über der Schulter. Das ist das Bündel der wenigen Habseligkeiten, die er mitführt. Immer dabei: das Wanderbuch. Dem ist anzusehen, das es durch viele Hände ging. Der erste Eintrag datiert vom 9. September 2008. „Fremdgeschrieben“ ist Peter Bongardt fortan. Den Beruf des Zimmermanns hatte er in Berlin erlernt, bei dem Baukonzern Hochtief. Danach blieb er in der Firma, sanierte Altbauten. „Doch auf Dauer war mir das nichts. Mit 20, ungebunden, da liegt der Gedanke doch nahe, in die Welt zu ziehen“, argumentiert er. Doch so einfach losziehen ist nicht. Die Tradition überliefert ein strenges Regelwerk. „Die Lehre muss erfolgreich beendet sein, Schulden darfst du nicht haben, keine Frau und Kinder“, zählt er auf. Für die ersten fünf Wochen gibt es einen erfahrenen Gesellen als Reisegefährten an die Seite. Der vermittelt dem Neuling, wie man ehrbar beim Meister vorspricht und gibt viele Tipps, die in keinem Buch zu finden sind. Apropos Buch. Der fahrende Handwerksgeselle wurde in der Romantik zu einer literarischen Gestalt verklärt. Die Wirklichkeit sieht meist ziemlich anders aus. „Im ersten Jahr, wenn die Wanderschaft auf den deutschsprachigen Raum beschränkt ist, wird’s im Winter hart. Arbeit auf dem Bau ist schwer zu bekommen, der Geldbeutel ist oft leer. Da wird man zum Überlebenskünstler“, räumt der Geselle ein. Nur eines ist tabu: stehlen. Das verbietet der Ehrenkodex, den die Gesellen beeiden. „Wer dagegen verstößt, dem wird der Ohrring ausgerissen, den er zu Beginn der Wanderschaft erhielt. Der Betroffene ist damit sichtbar als Schlitzohr zu erkennen.“ Peter Bongardt überstand den Winter im Thüringenschen. Im zweiten Jahr führte die Reise ihn über den ganzen Kontinent. Von Schweden im Norden bis nach Siebenbürgen in Rumänien. Fünf Paar Schuhe hat er auf der Wanderschaft durchgewetzt. Die Leute, denen er begegnet, sind in der Regel aufgeschlossen. „Mit der Kluft wird man ja sofort erkannt. Natürlich hört man immer wieder die gleichen Fragen. Und sie erwarten, Geschichten zu hören. Das ist eigentlich trotz Fernsehen und Internet heute nicht anders als vor Jahrhunderten. Wo man für länger eine Arbeit findet, ist man schnell integriert“, schildert der Zimmermann seine Erfahrung. Den zweiten Winter verbrachte er mit einigen Kameraden im südlichsten Zipfel Europas, auf den Kanarischen Inseln. „Da bauen viele Deutsche ihre Finkas, da hatten wir gut zu tun.“ Die drei Monate dort – länger darf man nicht an einem Ort verweilen – waren schnell um. Doch die Wanderschaft sollt noch viel weiter führen. , bis in den Norden von Namibia und nach Kapstadt am Südzipfel Afrikas. Wanderburschen unter afrikanischer Sonne – das ist eine bizarre Vorstellung. Doch ganz so fremd empfand Peter Bongardt das gar nicht. „Vor 100 Jahren war das Land deutsche Kolonie. Noch heute leben zahlreiche Einwohner mit deutschen Wurzeln dort. Gar nicht so selten sieht man die Kaiserfahne und so ticken die Leute denn auch“. Betätigt haben sich Peter Bongardt und seine Begleiter dort beim Brunnenbohren im Busch. Als die obligaten drei Jahre und ein Tag um waren, die Mindestzeit der Wanderschaft im Fremden Freiheitsschacht, hängte der Mecklenburger noch ein Jahr ran. Damit verbunden war der Sprung über den Atlantik. Auf der Walz in Mitteldeutschland war er bei einem Meister, der einen Bekannten in Argentinien hatte. Mit dessen Empfehlung machte sich Peter Bongardt mit drei Gefährten auf den Weg dorthin. Ihr Weg führte das Quartett auch nach Bolivien und Peru. Wandern war dort allerdings kaum möglich, die Entfernungen sind andere als in Europa. Die Handwerksburschen nutzten die öffentlichen Verkehrsmittel, was zuhause eher verpönt ist. In ihrer Kluft seien sie immer respektvoll behandelt worden. Nur an der Grenze von Bolivien haben sie einen ganzen Tag auf zwei Stempel warten müssen.
Mit fünf Euro Bargeld in der Tasche, genau so viel wie bei Antritt der Wanderschaft, kehrte Peter Bongardt nun nach Hause zurück. Lebenserfahren und mit einzigartigen Reiseeindrücken. Und welche Pläne hegt er nun im elterlichen Gutshaus? Die Antwort kommt prompt: „Arbeiten und Geld verdienen. Und vielleicht doch noch einmal auf die Schulbank und den Meister machen.“ Klar, das war schon vor Jahrhunderten nach der Wanderschaft nicht anders.

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Im Mittelalter waren es vor allem die Zünfte der Bauhandwerker, die ihren Gesellen eine Wanderschaft zur Pflicht machten. Die Walz war oft die Voraussetzung, Meister zu werden. Ihr Ablauf unterlag bestimmten Regeln und die waren in Statuten festgeschrieben.
Mit dem Aufkommen der Industrie im 19. Jahrhundert entstanden Konflikte mit dem traditionellen Handwerk, die alten Gewerbeordnungen wurden reformiert, die Zünfte verloren ihre Bedeutung. Dennoch gab es Anfang des 20. Jahrhunderts einige tausend Wandergesellen im Deutschen Reich. Während der Nazi-Zeit waren die Schächte, das sind die Vereinigungen der Wandergesellen, verboten. Auch die DDR untersagte das zünftige Reisen.
Seit den 1980er Jahren ist diese Tradition wieder stark aufgelebt. Es wurden neue Schächte gegründet, einige nehmen auch Frauen auf. Gewandert wird zu Fuß, ein eigenes Fahrzeug ist nicht gestattet, wohl aber das Mitfahren per Anhalter. Dabei tragen die Gesellen ihre berufstypische Kluft. Unverzichtbar sind der Stenz, ein Wanderstab, sowie der Charlottenburger, worin das Hab und Gut verstaut ist. Zu Beginn der Wanderschaft wird der Geselle „fremdgeschrieben“. Ist die Reisezeit ehrbar überstanden, kann sich der Betreffende „einheimisch“ melden. Das wird dann zünftig gefeiert.nk/wikipedia

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