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Rauer Geselle aus Silikon und Pappmaschee zieht ein

VonSimone Pagenkopf

Im Malchiner Tor wird ein Stück Geschichte lebendig. Das Museumsteam erinnert an die Gefängniszeit im
19. Jahrhundert.

Teterow.„Er kann ruhig ein bisschen verschmutzt aussehen.“ Detlef Kersten greift zur Theaterschminke. Hier und da gibt er seinem Gegenüber einen graubraunen Tupfer. Jetzt, wo er sieht, wie das Licht in die kleine Zelle fällt, richtet er den Mann noch ein bisschen her. Lebensecht. „Genauso habe ich mir das vorgestellt“, freut sich die Teterower Museumsleiterin Meike Jezmann. Im Malchiner Tor wird gerade eine Gefängniszelle so hergerichtet, dass die Besucher sich zurückversetzt fühlen in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. „Wir wissen aus Gefängnislisten, dass es die armen Leute waren, die hier – mitunter wegen Nichtigkeiten – eingesperrt waren. Vor allem Tagelöhner, Knechte und Hofgänger“, sagt Meike Jezmann. So lebendig wie möglich wollte sie diesen Teil der Stadtgeschichte nachempfinden. Und dafür fand der Museumsverein die richtigen Partner: Die Ospa-Stiftung, die dieses Projekt finanziell fördert, und Detlef Kersten, Maskenbildner und Körperabformer.
Ein Stück weit findet der sich übrigens selbst in der Teterower Gefängnisfigur wieder. „Ich verwende häufig Abdrücke lebender Menschen“, sagt Detlef Kersten. Diesmal hat er einen Silikonabdruck von seinem Gesicht genommen, die Form hergestellt und mit Spezialsilikon ausgegossen, so dass selbst kleinste Fältchen zu erkennen sind. In die fünf Millimeter dicke „Haut“ stach er schließlich Wimpern, Bart, Haaransatz einzeln ein. Im Körper aus Pappe funktionieren sogar die Knie- und Handgelenke. „Viele Museen können sich das nicht vorstellen“, sagt Kersten. Wenn er unterwegs ist, will er künftig sein „eigenes Gesicht“ mitnehmen, um zu zeigen, wie er arbeitet.
Meike Jezmann kannte indes Kerstens Figuren schon aus dem Rostocker Schifffahrtsmuseum. Und wünscht sich für Teterow noch mehr: Die Ratsdienerköchin und den Schuhmacher für die Museumsschaufenster im Tordurchgang. „Es muss natürlich erst Geld da sein“, räumt sie ein.
Jetzt wird aber erst einmal der Hörtext für die Gefängniszelle im Stadtmuseum vorbereitet. Besucher sollen etwas zum baulichen Zustand und zu besonderen Vorkommnissen erfahren. 1865 hatte es nämlich einen großen Umbau gegeben. Zu klein, zu eng, zu stickig waren die Zellen, übte seinerzeit die Güstrower Justizbehörde heftige Kritik. Die zehn Zellen wurden dann auf acht reduziert. Überliefert seien zudem zwei Erhängungen in Zelle Nummer 10 und ein Ausbruch. Aber auch, dass im Jahr 1897 Ratsdiener Schroeder den Schneidergesellen Seemann volltrunken von der Straße sammelte und für eine Nacht zum Ausrauschen in eine Zelle brachte. 20 Pfennig musste der Schneidergeselle hernach für die Benutzung des Strohlagers zahlen.

Kontakt zur Autorin
s.pagenkopf@nordkurier.de

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