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Spuren führen zum Urgroßvater

Herward Müller arbeitet mit Lisa-Marie Werner, Stefanie Ehleng, Hannes Schütt und Michael Krieger, Schüler der Teterower Regionalschule, Stasi-Akten zum 17. Juni 1953 auf. [KT_CREDIT] FOTOs: Simone Pagenkopf
Herward Müller arbeitet mit Lisa-Marie Werner, Stefanie Ehleng, Hannes Schütt und Michael Krieger, Schüler der Teterower Regionalschule, Stasi-Akten zum 17. Juni 1953 auf. [KT_CREDIT] FOTOs: Simone Pagenkopf

VonSimone Pagenkopf

Es waren Mitarbeiter der Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen, die im Stadtarchiv anfragten, ob Teterow etwas zum
60. Jahrestag des 17. Juni vorbereitet. Die Stadt gilt mit als Hochburg der Auseinandersetzungen von 1953. Neuntklässler wagen sich jetzt an die Stasi-Akten.

Teterow.Ein mulmiges Gefühl beschleicht sie nicht, als die vier Teterower Regionalschüler die einstige Zellentür sehen. Ein kleines vergittertes Fenster, eine Klappe, durch die man das Essen schieben konnte – alles noch wie zu jener Zeit, als sich im Haus das Gericht befand und Gefangene einsaßen. Bei der Sanierung haben die neuen Eigentümer dieses Stück Zeitgeschichte bewahrt. Sie führt Lisa-Marie Werner, Stefanie Ehleng, Michael Krieger und Hannes Schütt zurück ins Jahr 1953. Es sind die Ereignisse um den 17. Juni, die die Schüler der neunten Klasse gemeinsam mit Herward Müller aufarbeiten. Hinter der Zellentür mag einer der Gefangenen gesessen haben, die an jenem Tag aufgrund des Drucks hunderter Teterower freigelassen wurden. 60 Jahre ist das her. Weit weg für die Neuntklässler, die im Geschichtsunterricht thematisch gerade beim Zweiten Weltkrieg angelangt sind, von der Teilung Deutschlands, von der DDR kaum etwas wissen. Ein bisschen berührt es sie aber doch. Weil es hier um ihre Heimatstadt geht. „Das ist besser, als irgendein anderer Ort“, meint Michael. Und weil Lisa-Marie auf ihren Urgroßvater stieß. Den Rossschlächter Jarchow, der nach dem 17. Juni als einer der „Provokateure“ verhaftet wurde.
Frank Herholz, Leiter des Teterower Stadtarchivs, hat die Stasi-Akten besorgt, die die Schüler gemeinsam mit Herward Müller wälzen. „Sie sind die Ersten, vorher hat sich diese Akten doch noch nie einer angeguckt“, sagt Frank Herholz. Von Zeitzeugen ist bekannt, dass am
17. Juni 1953 eine wogende Menschenmenge vor dem Gerichtsgebäude in der Warener Straße die Freilassung der dort Inhaftierten erzwang. „Es stimmt nicht, dass die Gefängniszellen aufgebrochen wurden, aber dass die Befreiten auf Schultern weggetragen wurden, das stimmt“, sagt Herward Müller. Nach dem 17. Juni seien elf Teterower verhaftet worden, drei wurden verurteilt. In der „Freien Erde“ vom 29. Juni 1953 findet sich ein Bericht über den Prozess gegen die „Provokateure der Unruhen in Teterow“. „Das verbrecherische Ziel der 3 Hauptangeklagten Werner, Depka und Jarchow bestand darin, die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik zu stürzen“, ist unter anderem zu lesen. Zu sechs, fünf und vier Jahren Zuchthaus wurden sie verurteilt. Gegen die anderen Angeklagten wurde das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt.
Mit einer Vielzahl von Originaldokumenten bereiten Lisa-Marie, Stefanie, Michael und Hannes gemeinsam mit Herward Müller jetzt eine Ausstellung zum 17. Juni in Teterow vor. Zehn Schautafeln soll sie umfassen. Gezeigt werden diese voraussichtlich im Rathaus, dann fließen sie in den Geschichtsunterricht an der Schule ein. Selbst wollen die vier dieses Projekt als Jahresarbeit im Fach Geschichte einreichen. Indes hat Frank Herholz weitere Unterlagen bekommen. Dabei geht es um den Apparatebau im Zusammenhang mit dem Abhängen von Arbeiterführer-Bildern, sagt er. Das werde aber in der Ausstellung nicht mehr berücksichtigt.

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