Nordkurier.de

Unheilvolle Geschichte hinter schmucken Fassaden

Jutta Höckendorf und Julian Ruff vor dem Haus Nr. 24 in der Malchiner Straße. Hier hatte in den 1930er-Jahren der jüdische Kaufmann Samuel sein Geschäft.  FOTO: Eberhard Rogmann
Jutta Höckendorf und Julian Ruff vor dem Haus Nr. 24 in der Malchiner Straße. Hier hatte in den 1930er-Jahren der jüdische Kaufmann Samuel sein Geschäft. FOTO: Eberhard Rogmann

VonEberhard Rogmann

Zwei junge Teterower rühren an ein düsteres Kapitel ihrer Stadt. Sie rufen die Verfolgung jüdischer Bürger in Erinnerung.

Teterow.„Man geht durch bekannte Straßen und hat plötzlich einen ganz anderen Blick auf einzelne Häuser.“ Für Julian Ruff ist dies eine überraschende Erfahrung, seit er sich mit dem Projekt „Stolpersteine“ befasst. Gemeinsam mit seiner Mitschülerin Michelle Bockris hat er sich auf die Spuren des jüdischen Lebens in Teterow begeben. Konkret geht es den beiden um jene Zeit, als die Rassenpolitik des Dritten Reiches dieses Leben gewaltsam austilgte. „Natürlich haben wir das Tagebuch der Anne Frank gelesen und Filme gesehen wie ,Schindlers Liste‘. Aber das ist alles weit weg. Man bekommt ein ganz anderes Bild, wenn die Orte der Handlung in der eigenen Stadt liegen“, erzählt Julian.
In der Malchiner Straße 24 zum Beispiel. Dort befand sich das Geschäft des Kaufmanns Samuel. Die Eheleute und eine Tochter wurden nach der Pogromnacht 1938 deportiert und ermordet. Lediglich einer Tochter gelang die Flucht nach England. Erst 70 Jahre später fand Gerda Shenfield, geborene Samuel die Kraft, ihre Heimatstadt zu besuchen (der Nordkurier berichtete). Julian und Michelle wollen mit ihrer Recherche aber nicht nur eine Jahresarbeit schreiben, die bekannte Fakten auflistet. „Unser Ziel ist es beizutragen, dass zum 75. Jahrestag der Pogromnacht Gedenksteine gesetzt werden, die an die verfolgten Juden in der Stadt erinnern“, sagt Julian. Diesem Anliegen hat sich Jutta Höckendorf verschrieben. Sie wird mit den Schülern deshalb noch ins Max-Samuel-Haus nach Rostock sowie ins Landesarchiv Schwerin fahren. Die Recherchen sind aber nur die eine Seite. Bevor die Gedenksteine verlegt werden können, sind etliche andere Fragen zu klären. „Wir brauchen die Genehmigung der Stadt sowie das Einverständnis der heutigen Hauseigentümer. Des Weiteren müssen wir das Geld auftreiben. Sobald wir ein Spendenkonto haben, werden wir in der Öffentlichkeit um Unterstützung bitten“, verweist Frau Höckendorf auf die nächsten Schritte.

Kontakt zum Autor
e.rogmann@nordkurier.de

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×