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Wie legt man Teufel Alkohol das Handwerk?

Ramona Köpp und Frank Korrmann sind Suchtberater beim Sozialwerk der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde.[KT_CREDIT] FOTO: Iris Diessner
Ramona Köpp und Frank Korrmann sind Suchtberater beim Sozialwerk der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde.[KT_CREDIT] FOTO: Iris Diessner

VonIris Diessner

„MV ist Spitze beim Totsaufen“. Eine Schlagzeile, um stolz zu sein, ist dies nicht. In der täglichen Arbeit der Suchtberatung geht es denn auch wesentlich weniger spektakulär zur Sache.

Malchin/Teterow.Alkohol ist die Volksdroge Nummer 1. Daran hat sich auch hier in der Region nicht viel geändert. Frank Korrmann und Ramona Köpp vom Sozialwerk der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Malchin/Teterow wissen das, sie sind beide als Suchtberater tätig.
„Alkoholmissbrauch ist kein Thema, das erst in den vergangenen Jahren hier aktuell wurde, bereits zu DDR-Zeiten gab es Anlaufstellen in Malchin und Teterow", erzählt Frank Korrmann. Daraus seien schließlich die Beratungsstellen des Sozialwerks entstanden.
„Die Wege, auf denen die Betroffenen zu uns finden, sind sehr unterschiedlich“, erklärt Ramona Köpp. Das könne der Hausarzt sein, der über die Beratungsstellen informiert, oder das Krankenhaus, in dem das Sozialwerk zweimal wöchentlich Beratungen anbietet. „Mancher kommt auch, weil er seinen Führerschein durch eine Alkoholfahrt eingebüßt hat, und nun Hilfe erwartet“, ergänzt Frank Korrmann. Gerade in solcher Situation seien die Betroffenen offen für Gesprächsangebote. „Da ist die Motivation da, man will ja den Führerschein unbedingt zurück und schafft dann auch die Einsicht, vielleicht in seinem Alkohol-Konsumverhalten etwas ändern zu müssen“, meint der Berater.
Aber liege so ein Fall nicht vor, sei es meist ein langer Weg, bis Alkoholiker zu einer Beratung bereit sind. „Ein Leidensdruck muss schon vorhanden sein“, weiß auch Ramona Köpp. Viel zu lange machten sich viele vor, dass sie das alles allein auf die Reihe bringen könnten. Das hänge sicher mit der allgemeinen Toleranz gegenüber dem Alkohol zusammen, sind sich beide einig. „Er ist ja nicht nur ein Genussmittel, sondern auch ein Statussymbol“, meint Frank Korrmann. Alkohol sei im wahrsten Sinne des Wortes in aller Munde. Da gebe es die Werbung und für den Himmelfahrtstag zum Beispiel gehöre Alkohol schon wie selbstverständlich dazu. Gar nicht so selten diene Schnaps sogar als ein Dankeschön-Artikel für erwiesene Hilfsbereitschaft untereinander.
Die Betroffenen, die in den Beratungsstellen Hilfe suchen, gehören allen Altersgruppen an. „Bei uns sind schon 15-Jährige gewesen“, erzählt Ramona Köpp. Aber im Schnitt liege das Alter der 220 Menschen, die sich in der Betreuung befinden, um die 40 Jahre, sagt Frank Korrmann. Es gebe auch eine kleine Gruppe Angehöriger, die sich beraten ließe. „Es könnten mehr sein“, meint Ramona Köpp. Sie weiß aber auch um die Schwierigkeiten, an diese Leute heranzukommen. Doch das Umfeld könne dazu beitragen, dass besser und vor allen auch eher geholfen, dass in der Sucht nicht weiter so „bequem gelebt“ wird, wie sie es sagt.
Offene Worte wünschten sich die beiden Berater auch über das familiäre Umfeld hinaus. „Klar wissen wir, wie schwer das ist, jemanden auf möglichen Alkoholmissbrauch oder sogar Abhängigkeit anzusprechen“, so Frank Korrmann. Aber wer eine Beziehung zu dem Betroffenen habe, der solle sich auch trauen. Das könne ja mit solchen Worten wie „ich bin in Sorge um Dich“ sein oder vielleicht weist man auf Beratungsmöglichkeiten mit Flyer oder Visitenkarten hin.
Ins Reden kommen, das sei enorm wichtig. Aber man sollte Betroffenen nichts abnehmen, auch wenn es noch so gut gemeint ist. Damit werde das Problem nur verlängert.
„Wir müssen es einfach schaffen, mehr Sensibilität für das Thema herzustellen“, fasst Frank Korrmann zusammen. Dabei meine er Suchtmittel aller Art. Schon bei Elternabenden sollte darüber gesprochen werden. Und natürlich könne man sich selbst überprüfen. „Wie frei bin ich, bei einer Feier nein zum Alkohol zu sagen“, nennt Frank Korrmann ein Beispiel. Auf die Frage, ob sich ihr Umgang mit Alkohol durch die Beratungstätigkeit verändert habe, überlegen beide kurz. „Ich komme aus einer Familie, in der es Sucht gibt“, erklärt Ramona Köpp. „Da gab es eine Zeit, da habe ich gedacht, bloß keine Suchtmittel, aber das ist heute anders. Ich weiß, ich kann ruhig ein Glas Sekt trinken, wenn der Anlass da ist.“ Frank Korrmann meint, dass er jetzt deutlich bewusster mit Alkohol umgeht. „Manchmal hatte ich sogar ein richtig schlechtes Gewissen, wenn ich mal Sekt oder Wein getrunken habe. Ich muss doch Vorbild sein, dachte ich mir“, lächelt der Berater. Aber so funktioniere das auch nicht. Doch öfter mal nach Saft oder Wasser greifen, das sei schon in Ordnung.

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