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Als hätte der Krieg das Land gewechselt

Ein türkischer Polizist bewacht den Ort des Attentats in Reyhanli. Verdächtige sind bereits gefasst. [KT_CREDIT] FOTO: EPA/AYKUT UNLUPINAR
Ein türkischer Polizist bewacht den Ort des Attentats in Reyhanli. Verdächtige sind bereits gefasst. [KT_CREDIT] FOTO: EPA/AYKUT UNLUPINAR

VonAnne-Beatrice Clasmann
undCarsten Hoffmann

Nach einem Doppelanschlag in der türkischen
Grenzstadt Reyhanli
scheint für Ankara klar:
Die Täter haben Kontakt zum syrischen Regime.

Istanbul.Nach dem schwersten Bombenanschlag in der Türkei seit Beginn des Bürgerkriegs im Nachbarland
Syrien droht eine Ausweitung des Konflikts. Nach Angaben türkischer Regierungspolitiker führen Spuren zum Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli waren am Wochenende mindestens 46 Menschen getötet und etwa 140verletzt worden.
Die Polizei in der Türkei nahm neun Verdächtige fest. Alle seien türkische Staatsbürger, zitierten Medien den Vizeregierungschef Besir Atalay. Nach seinen Angaben haben die Beschuldigten die Tat teilweise gestanden. Innenminister Muammer Güler sagte, unter den Festgenommenen sei auch der Planer des Angriffs. Die Täter seien an der Erkundung des Anschlagsorts und der Beschaffung der Fahrzeuge beteiligt gewesen. Nach weiteren Verdächtigen werde noch gesucht. Die Tat sei von Gruppen verübt worden, die in engem Kontakt stünden zu dem Regime in Damaskus und zum syrischen Geheimdienst, hieß es.
Schon unmittelbar nach den Anschlägen hatte Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan erklärt, die Tat könnte im Zusammenhang mit dem Krieg in Syrien stehen. Außenminister Ahmet Davutoglu sprach von einer Provokation. Die türkische Armee schickte Verstärkung in das Grenzgebiet.
Das syrische Regime wies jede Verantwortung zurück. Die staatliche Nachrichtenagentur Sana zitierte Informationsminister Omran al-Subi mit den Worten, die türkische Regierung habe zugelassen, dass aus der Grenzregion ein Zentrum für den internationalen Terrorismus geworden sei. Ankara trage die direkte moralische und politische Verantwortung für das, was geschehe.
Die Türkei steht auf der Seite der syrischen Aufständischen und hat zahlreiche Flüchtlinge aus Syrien aufgenommen. Reyhanli ist nicht weit entfernt vom Grenzübergang Cilvegözü, über den viele Flüchtlinge aus Syrien in die Türkei kommen. In der Türkei haben inzwischen mehr als 300000 Menschen aus Syrien Schutz gesucht. Jüngst hat Ankara den Kurs gegen Assad verschärft. Ministerpräsident Erdogan sagte, die von den USA gezogene rote Linie zum Einsatz von Chemiewaffen sei von Syriens Regime längst überschritten.
Die syrische Opposition sah die Verantwortlichen für die Anschläge ebenfalls in Damaskus. „Wer diese verabscheuungswürdigen Terroranschläge verübt hat, will damit die türkische Regierung, die dem syrischen Volk beisteht, für ihre ehrenhafte Haltung bestrafen“, erklärte die Nationale Syrische Koalition in Istanbul. Ziel des Terrors sei es offensichtlich, einen Keil zwischen Syrer und Türken zu treiben.
UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erklärte nach Angaben eines Sprechers, er verurteile „alle terroristischen Taten“. Kein Grund oder Missstand könne jemals Angriffe auf Zivilisten rechtfertigen. US-Außenminister John Kerry sprach in Washington von „schrecklichen Nachrichten“. Die USA stünden an der Seite „unseres Verbündeten Türkei“. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu will unterdessen bei einem Russland-Besuchdie Lieferung mehrerer Abwehrsysteme vom Typ S-300nach Syrien verhindern.

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