Nordkurier.de

An Schlaf war nicht zu denken

VonMichael Baumgartl

Pompöses und tragisches: Die Neubrandenburger Philharmonie überzeugt mit Feingefühl und Kontrast.

Neubrandenburg.Das 9. Philharmonische Konzert der Neubrandenburger Philharmonie begann in der Konzertkirche mit einem nächtlichen Zapfenstreich. „Ritirata Notturna di Madrid“ nannte der italienische Komponist Luigi Boccherini den Finalsatz eines Kammermusikstücks. Etwa 200 Jahre später schrieb sein Landsmann Luciano Berio Orchestervariationen. Bildhaft wird darin vorgeführt, wie die Nachtwache aus der Ferne kommend, von Trommeln begleitet, durch die Straßen näher und näher kommt, mit pompösem Bläserklang vorüberzieht und danach wieder verschwindet.
Die Dirigentin Romely Pfund ermunterte das Orchester, den Zug in seinem Nahen und Verschwinden deutlich nachzuzeichnen. Dass damals in den Altstadtgassen an Schlaf erst nach dem lärmenden Vorbeimarsch der Nachtwache zu denken war, konnte man gut nachempfinden. Das Publikum hatte eine besondere Freude daran, dass der moderne Bearbeiter des Werkes die klare harmonische Struktur seines Vorfahren so strikt beibehalten hat.
Groß war mithin der Kontrast zu der Modernität der Sinfonie für Violoncello und Orchester (1963) von Benjamin Britten. Der Solist Niklas Eppinger, Professor an der Musikhochschule Würzburg, kam erst im langsamen 3. Satz dazu, über dessen tragischer Grundstimmung einen melodisch intensiven Ton zu entfalten. Mit dem Solohorn von Johannes Gnau im Duett erreichte er dort eine gesangliche Szene, die dem Vorangegangenen Entspannung, dem Klang aber Konzentration brachte. Zuvor stand der düstere Kopfsatz, der in den tiefen Regionen von Soloinstrument und Kontrabässen begann und wieder endete. Und das erregte Scherzo, in dem es von allen Ecken her gespenstisch flirrte und flüsterte. Durch den begeisterten Applaus der Zuhörer ließ sich der Solist nicht lange bitten und spielte als Zugabe die Allemande aus der Solo-Suite Nr. 6 D-Dur von Bach. Das ruhige Tempo seines Spiels überhöhte noch die an sich schon wie improvisiert wirkende Melodik dieses wunderschönen Satzes.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×