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Arbeit auf Probe gibt Hoffnung

Chefin Marina Kaschube (links) und Birgit Rochon (2.v.r.) besuchen Hannelore Joost und Marek Rothe, die in der Wohngruppe leben, in der Näh- und Waschstube. [KT_CREDIT] FOTO: A. Brauns
Chefin Marina Kaschube (links) und Birgit Rochon (2.v.r.) besuchen Hannelore Joost und Marek Rothe, die in der Wohngruppe leben, in der Näh- und Waschstube. [KT_CREDIT] FOTO: A. Brauns

VonAnke Brauns

Durch das Vorstellungsgespräch muss man meistens allein durch. Das Jobcenter begleitet Arbeitslose innerhalb einer Aktion zu potenziellen Arbeitgebern – mit Erfolg. So mancher arbeitet zumindest schon mal auf Probe.

Neubrandenburg.Birgit Rochon sieht erschöpft aus nach ihrer Nachtschicht. Erschöpft, aber glücklich. Die Arbeit in dem Betreuungszentrum ist sehr anspruchsvoll, ganz anders als das, was die umgeschulte Altenpflegehelferin bisher gemacht hat. „Körperlich ist es nicht so anstrengend wie in der Altenpflege, aber geistig. Es macht viel Spaß“, sagt die 51-Jährige. Denn das Betreuungszentrum von Marina Kaschube in der Ziegelbergstraße beherbergt eine Tagesstätte und eine sozialtherapeutische Wohngruppe für psychisch Kranke. Außerdem gehört ein ambulanter Dienst zur Einrichtung, bei dem die Mitarbeiter betroffene Menschen zu Hause aufsuchen.
Birgit Rochon arbeitet zur Probe in dem Betreuungszentrum. „Maßnahme beim Arbeitgeber“ (MAG) nennt sich das in der Fachsprache des Jobcenters. Das hat vor einigen Tagen eine Sonderaktion gestartet, in der 33 Arbeitsvermittler 70 arbeitslose Fachkräfte und Helfer zu Vorstellungsgesprächen bei zahlreichen Unternehmen in Neubrandenburg und Umgebung begleitet haben. Dabei geht es vorrangig um Arbeitsplätze in den Branchen Lager, Bau, Verkauf, Reinigung, Büro und Hauswirtschaft.
Zwar stehen in den nächsten zwei Wochen im Rahmen der Bewerbertage unter dem Motto „Ich bin gut“ noch weitere Gespräche aus. Aber schon nach 45 Terminen gibt es vier Einstellungszusagen, ein Ausbildungsplatz wurde ebenfalls in Aussicht gestellt. 14 Männer und Frauen stellen zudem in einer MAG „ihr Können unter Beweis, um den Arbeitgeber vollständig von sich zu überzeugen“, wie Änne Böhning vom Jobcenter sagt. „Und die Arbeitgeber können in dieser Zeit die Arbeitnehmer kennen lernen und entscheiden, ob sie in das Team passen“, erklärt sie.
Für Marina Kaschube, die Birgit Rochon und ihre Vermittlerin im Rahmen dieser Aktion zum Vorstellungsgespräch empfing, ist das ganz wichtig. „Sich auf unsere Klienten einzustellen, ist schwierig. Je nach Tagesform sind sie sehr unterschiedlich. Man muss viel Fingerspitzengefühl haben, um mit den Menschen zu arbeiten. Deshalb brauche ich diese Probearbeitszeit, um zu sehen, ob die Leute das mitbringen“, erklärt sie. Mitarbeiter des Arbeitsamtes oder des Jobcenters seien öfter bei ihr im Haus. So würden sie viel besser verstehen, welchen Ansprüchen ihr Personal gerecht werden müsse, als wenn das Anforderungsprofil nur schriftlich vorliege.
Auch wenn sie noch nicht weiß, ob es mit einem festen Job klappt, ist Birgit Rochon froh über die Chance bei Marina Kaschube. Seit sie 2002 zum Altenpflegehelfer umschulte, bekam sie mehrmals Praktika und geringfügige Beschäftigungen, einmal auch eine Arbeit für mehrere Monate. Seit September 2012 ist sie wieder zu Hause, hat sich bei vielen Trägern beworben. „Ich kriege aber nur selten eine Antwort auf meine Bewerbungen. Das finde ich nicht gut, als Arbeitsloser hofft man doch“, sagt sie. Bei ihrer Probearbeit lobt sie besonders die gute Anleitung durch die Kollegen. Marina Kaschube ist wichtig, dass Leute, die reinschnuppern, auch wirklich mit den Klienten arbeiten. „Sie müssen doch sehen, ob das die richtige Aufgabe für sie ist“, sagt sie und hält es auch mit den Studenten so, die das Betreuungszentrum als Praxisstätte der Hochschule nutzen.
Dass Birgit Rochon die 50 knapp überschritten hat, spielt für Marina Kaschube überhaupt keine Rolle. „Sechs der 17 Mitarbeiter sind über 50 und die möchte ich nicht missen“, sagt sie. Fünf Mitarbeiter seien zwischen 30 und 50 Jahre alt, die anderen jünger. Gemischte Teams seien am besten. So hat sie auch eine junge Frau frisch vom Studium eingestellt, die es bei anderen Trägern vergeblich versucht habe. „Die wollen zwar junge Leute, aber mit Berufserfahrung. Wie soll das gehen?“ fragt sie. Not, gutes Personal zu bekommen, habe sie nicht, so Marina Kaschube. Ob Birgit Rochon künftig auch zu ihrem Team gehört, wird sie entscheiden, wenn deren Probe-Arbeitszeit in rund einer Woche endet.
„Wenn Arbeitgeber sich für eine MAG entscheiden, können die Leute häufig auch bleiben“, weiß Änne Böhning. Ende Mai, denkt sie, steht das Ergebnis der Bewerbertage fest. Dann zeigt sich, ob es effektiver ist, den Arbeitgeber direkt mit dem Arbeitslosen zusammen zu bringen, als nur im Jobcenter den Bedarf der Unternehmen mit den Fähigkeiten der Arbeitslosen abzugleichen. Das könnte auch Auswirkung auf künftige Arbeitsweisen haben.

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a.brauns@nordkurier.de

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