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Auf Holzpantinen ins Glück gerutscht

VonSebastian Haerter

Heiraten ist keine Kunst: Partner, Standesamt, Ringe, Kleid und Anzug sowie Essen organisieren – und los geht es. Vor 60 Jahren war nichts davon selbstverständlich, nicht einmal das Essen …

Neubrandenburg.Irgendwann wusste Annerose: Da ist was im Busch. Auffällig oft hörte die junge Frau dieses typische „klap, klap, klap“ vor der Tür. Sie konnte den Zeitpunkt gar nicht verpassen, wenn der junge Mann in seinen Holzpantinen wieder am Gemüseladen vorbei ging, in dem sie arbeitete. Er guckte ins Fenster, sie guckte zurück. Und eines Tages hatte man sich halt verguckt. Das war in Kamenz, in Sachsen, vor 65 Jahren.
Heute sitzen Annerose und Werner Kokel in Neubrandenburg, in Mecklenburg-Vorpommern, auf ihrer Couch und feiern, dass sie seit sechs Jahrzehnten ein Ehepaar sind. Annerose Kokel muss heute noch schmunzeln, wenn sie erzählt, wie der holzbeschuhte junge Mann ihr eines Tages schließlich auch auf dem Heimweg folgte ... „klap, klap, klap“.
Drei Kilometer musste sie zu Fuß zur Arbeit hin und abends wieder zurück – jeden Tag, bei Wind und Wetter. Werner arbeitete im Textilmaschinenbau, die Holzpantinen waren quasi seine Arbeitsschuhe. Normalität anno 1948, drei Jahre nach dem Krieg. Immerhin: so ein Fußweg über Land bietet Zeit für Konversation. Die kann so schlecht nicht gewesen sein, denn Werner beschloss, seiner Annerose künftig nicht mehr von der Seite zu weichen.
Für den gemeinsamen Tanz durchs Leben – und
für die Hochzeit – fanden sich die Zwei bald auf einem Tanzkurs wieder, lernten Walzer und Tango. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach der Garderobe fürs Fest der Feste. „Es gab nicht viel“, erinnert sich Annerose Kokel. Also wurde improvisiert. Die Brautschuhe geborgt und mit Watte ausgestopft, die weiße Bluse vom Dorfschneider beigesteuert, Werner organisierte sich Stoff für einen Anzug in der Textilfabrik. Das große Stück Kasseler vom Fleischer für den Festtagsbraten war der Hauptgewinn zu einer Zeit, als es Essen nur gramm-genau auf Lebensmittelkarten gab. Das Festmahl kochte die Braut.
1956 wurde Werner Kokel erstmals nach Neubrandenburg versetzt. Den Anblick der kriegszerstörten Stadt hat er nie vergessen: „Ich hab‘ nur gedacht, wohin haben sie dich denn hier geschickt …?“ Nach vielen weiteren Umzügen – Werner war bei der Armee und wurde regelmäßig versetzt – blieb die Familie im November 1969 endgültig hier. „Irgendwann habe ich mich geweigert, nochmal umzuziehen“, erinnert sich Annerose Kokel.
Heute hat sich sich das Diamantene Paar längst mit der Viertorestadt angefreundet und lebt gern hier. Auch die drei Enkel lieben es, bei Oma und Opa zu sein. Doch Sachsen ist natürlich nicht vergesssen. Schon die große familiäre „Karawane“, die sich aus dem Süden für die Jubiläumsfeier nach Neubrandenburg aufgemacht hat, dürfte dafür Beweis genug sein.

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s.haerter@nordkurier.de

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