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Aus Meistern der Improvisation wurden Reparaturspezialisten

Kettenfahrzeuge vor der Halle 4  Repro: H. Beyermann
Kettenfahrzeuge vor der Halle 4 Repro: H. Beyermann

VonHorst Beyermann

Vor genau 60 Jahren entstand mit dem Reparaturwerk
Neubrandenburg (RWN) ein militärisch-industrieller Komplex am Rande des Tollensesees. Es sollte einer der größten Arbeitgeber der Region werden.

Neubrandenburg.Wo einst die deutsche Kriegsmarine, nahe dem Augustabad, eine Abteilung für die Torpedoversuchsanstalt (TVA) Eckernförde errichten ließ, entstand in der DDR ab 1953 das größte Panzerreparaturwerk Europas. Dies beschloss 1952 die 2.Parteikonferenz der SED zur Instandsetzung von Militärtechnik der Kasernierten Volkspolizei, später der NVA.
So erfolgte durch den Minister des Innern am 3. Dezember 1952 die Weisung, ab 1.Januar1953 einen Arbeitsstab für den Aufbau dieses Werkes zu bilden. Darin wurde festgelegt, dass dieses auf dem Gelände der ehemaligen Torpedo-Versuchsanstalt unter Nutzung der noch vorhandenen oder ausbaufähigen Gebäude, Fundamente, Anlagen und Straßen zu projektieren sei. Es sollten künftig bis zu 1000 Mitarbeiter tätig sein, die mittlere, behelfsmäßige Reparaturen ab 1.April und Generalreparaturen ab 1. Oktober 1953 durchführen werden.
Am 25. April 1953 erfolgte schließlich die Übergabe der vorhandenen Werksanlagen durch die sowjetischen Stellen an die der DDR. Die erste Firmierung lautete damals „Mecklenburgisches Industriebüro“ (MIB), was schon in einem Protokoll der SED-Kreisleitung vom 18. Dezember 1952 vermerkt war.
Am 1. April 1953 erfolgte dann die Umbenennung in „Reparaturwerkstatt Neubrandenburg“. Zur Geschäftsführung gehörten anfangs ausschließlich Angestellte im Offiziersrang. Die ersten 50Mitarbeiter aus dem Jahr 1953 bildeten dann den Grundstock des neuen Betriebes, der zu dem größten Unternehmen der Stadt und des Bezirkes Neubrandenburg werden sollte.
Bereits drei Monate vor der offiziellen Betriebsgründung begann man mit Neueinstellungen, ab Oktober/November 1952 durften auch mit Zustimmung in Reparaturwerken der Sowjetarmee Arbeitskräfte angeworben werden. Diese bildeten dann den Stamm der Spezialisten. Bis Ende 1953 wuchs die Zahl der Beschäftigten auf rund 700 und bis 1955 auf fast 1000 an. In den 1980er Jahren beschäftigte der Betrieb, zusammen mit Betriebsteilen, bis zu 5000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon etwa 1200 Jugendliche.
Die Instandsetzungsarbeiten begannen mit dem Eintreffen des ersten Kettenfahrzeuges, eines Panzers T 34, am 1. Mai 1953. Nun konnten die neue Produktion, die Schulung der Mitarbeiter an den Geräten und erste Versuche einer Reparatur beginnen. Die einzige Halle, die für Produktion, Demontage und Montage zur Verfügung stand, war Halle 5, während in einem Teil der Halle 8 mit der Instandsetzung von Einzelteilen begonnen wurde.

Elektrowippkran „Jumbo“ war noch 1989 im Einsatz
Zur Zeitder Produktionsaufnahme hatten die Betriebsangehörigen viele Schwierigkeiten, die ihnen nicht nur alle Erfahrungen abverlangten, sondern es musste auch jeder ein Meister der Improvisation sein. Beides war in den ersten Jahren unverzichtbar, beispielsweise beim Transport neuer Werkzeugmaschinen vom Anschlussgleis bis zum Aufstellen in Halle 8.
Dafür gab es kaum Transportmittel, sondern nur ein Hebezeug, den noch 1989 im Einsatz befindlichen Elektrowipp-Kran „Jumbo“. Da für die Produktion entsprechende Raumtemperaturen erforderlich waren, es aber 1953 keine zentrale Heizeinrichtung gab, musste auch dabei improvisiert werden. Als Zwischenlösung dienten „Lokomobile“, die vor den Hallen, unter freiem Himmel stehend, mehr als abenteuerlich wirkten.

Umbauten an Lkw wurden ins Programm genommenHatte 1953 in einer Produktionshalle noch alles als handwerkliche Instandsetzung begonnen, so war bereits 1955 die Umstellung auf eine industrielle Produktion erfolgt, denn nach Fertigstellung der Hallen 7, 8, 10 und 14 folgten 1954 die Halle 2 und 1955 die Hallen 3, 4, 9 und 15 sowie Haus 29. Erst im Januar 1964 konnte die Halle 12 in Betrieb genommen werden, in der sich ab März 1968 auch die Lehrwerkstatt befand.
Zum 1. Januar 1956 bekam der Betrieb dann den Namen „VEB Reparaturwerk Neubrandenburg“. Gleichzeitig übernahm man die bisher beschäftigten KVP-Angehörigen als zivile Mitarbeiter.
Ab 1956 begannen auch Reparaturen, Umbauten bzw. Umrüstungen von Lkw. Zu den ersten Fahrzeugen aus DDR-Produktion gehörten H3A und G5 aus Werdau, später kamen der „Robur“ aus Zittau und der Ludwigsfelder „W 50“ dazu. Zeitweilig wurden in der Halle 12 sogar Holzkisten für den Export gefertigt.
Nach der Gründung der NVA, am 18. Januar 1956 per Gesetz verfügt, gab es 1957 bei der militärischen Produktion noch freie Kapazitäten, die teilweise durch die Reparatur für Landtechnik ausgeglichen wurden. In den Jahren danach wuchs nicht nur die Anzahl der Kooperationspartner auf 55 an, sondern es erfolgte auch eine Kapazitätserweiterung. So erfolgte zum 1. 1. 1966 die Übernahme der VEB Landmaschinenbau Gützkow und Maschinen- und Apparatebau Teterow.
Als am 27. April 1968 das RWN seinen 15. Gründungstag feierte, bewarben sich 73 Brigaden um den Titel „Sozialistische Brigade“. Im Folgejahr begann dann die Produktion von Werkstattwagen auf der Basis von LKW „Robur“ und im Dezember 1977 konnten die ersten 20 mit Chassis vom „W 50“ fertiggestellt und verladen werden.
Der erste Golfkrieg zwischen Iran und Irak, der vom 22. September 1980 bis zum 20. August 1988 dauerte, wurde auch von der DDR unterstützt. So lieferte das RWN 1981 an den Irak 50 Panzer vom Typ T 55. Später kamen Lieferungen von W50-Lastkraftwagen hinzu, die im RWN für diesen Export in beide Länder vorbereitet wurden. Was mit der Instandsetzung von T 34 begann, setzte sich in den Jahren mit weiteren Typen fort. Der Bestand an Kampfpanzern umfasste bei der NVA Ende 1989 über 2700 Einheiten unterschiedlichster Typen. Die letzten 33 des legendären T 34 hatte man erst 1989 verschrottet.

Angestellte hatten
eine hohe Qualifikation
Bei gepanzerten(Kampf-) Fahrzeugen betrug der Bestand zum Zeitpunkt der friedlichen Auflösung der NVA sogar fast 9500 Exemplare. Fast alle diese Fahrzeuge gehörten zum Auftragsvolumen des Werkes.
Man verfügte nicht nur über moderne Betriebsstätten mit hoch produktiven Technologien und Ausrüstungen, sondern die im Unternehmen beschäftigten Arbeiter und Ingenieure besaßen eine hohe Qualifikation und hatten ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein. Im Rahmen der Konsumgüter-Produktion wurden in den 1980er Jahren auch Auspuffanlagen für PKW aus DDR-Produktion gefertigt.
Mit den gesellschaftlichen Veränderungen wurde auch der Uferbereich, vom Freibad und weiterführend bis Klein Nemerow, der bisher zum Sperrgebiet gehörte, wieder freigegeben. Bereits nach einer Festlegung vom 7. November 1989 konnte dieser Abschnitt außerhalb der Geschäftszeiten wieder betreten werden.
In Vorbereitung der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion zum 1. Juli 1990 erfolgte die Umwandlung des VEB Reparaturwerk Neubrandenburg in die „Neubrandenburger Maschinenbau GmbH“ (NEUMAB). Alte Aufträge waren abzuwickeln, Militärtechnik für die Verschrottung vorzubereiten.
Da Aufträge durch die Reduzierung der Streitkräfte merklich ausblieben, musste eine schmerzhafte Umstrukturierung erfolgen. Beim Rechtsnachfolger des RWN hatte man noch bis Mitte 1990 gut zu tun, denn es mussten rund 1000 Panzer vom Typ T 55 verschrottet werden. Danach verloren auch die damit beschäftigten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz.
Am 19. Februar 1992 wurde bekannt, dass sich 60 Prozent der NEUMAB-Flächen in den Trinkwasserzonen I und II befinden würden. Dies sollte den Abriss großer Teile des Werkes zur Folge haben. Daraus wurde nichts und aus dem ehemaligen Werkgelände wurde das „Gewerbegebiet Stargarder Bruch“. Heute steht „NEUMAB“ nur noch für die Arbeitsförderungs-, Beschäftigungs- und Strukturentwicklungs-GmbH.

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