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„Aus Neubrandenburg kann man in alle Richtungen raus“

Das Rauten-Muster auf dem Retro-Pullunder gehört zu Olaf Schuberts Marken- zeichen. Nun kommt der schmächtige Kabarettist aus Sachsen im Norden auf Tour. Wie die Weltanschauung des „freischaffenden Betroffenheitslyrikers“ aussieht, verriet er Ralph Schipke.

Als einsamer Sachse im Norden unterwegs – entstehen da Ängste bei Ihnen?
Nein, ich habe ja ein Navigationsgerät. Obendrein verstellen keine sinnlosen Berge die Blickachse zum Horizont. Allerdings trifft man so gut wie nie Menschen im Norden. Den letzten sah ich vor über drei Jahren und das war eine Finnin.

Entlang der Küste werden schon Berliner und erst recht Sachsen eigentlich nur als zahlende Urlauber gern gesehen. Wie werden Sie aufgenommen, wenn Sie in den Norden kommen und nicht gerade Windrad-Monteur sind?
Ich habe ja meine wichtigen Botschaften im Gepäck und komme, um die Menschen zu erwecken. Insofern empfängt man mich zu Recht wie einen Erlöser.

Wir sprechen hier oben auf jeden Fall das bessere Deutsch – daher die vielen Callcenter, die sich ansiedeln und Arbeitsplätze schaffen. Ist man in
Sachsen darauf neidisch?
Ja, denn ich glaube, sehr viele Menschen möchten in einem Callcenter arbeiten. Problematisch ist nur, dass die Nordlinge zwar wohlklingender reden, dafür aber auch wesentlich langsamer.

In der Wendezeit wurde aus Leipzig und Dresden oft skeptisch gen Norden geschaut. Der Mecklenburger und Vorpommern verkroch sich montags lieber hinter seinem warmen Ofen, während der Sachse auf die Straße rannte. Haben sich die Verhältnisse geändert?
Nein, der Sachse rennt auch heute noch gerne auf der Straße. Allerdings im Jogginganzug und mit Pulsmesser.

Warum gründen Sie keine eigene Partei, wie zum Beispiel Ihr Kollege Martin Sonneborn oder dieser Professor, der die D-Mark
wiederhaben möchte?
Ob jetzt Euro, Taler, Schekel oder Pfennig auf dem Geldschein steht ist völlig egal. Ich glaube, das Geld ist einfach zu teuer, so dass sozial Schwache zu arm sind sich, um sich welches zu kaufen.

Sie bezeichnen sich selbst als untergewichtig und überbegabt. Würden Sie
bedenkenlos landwirtschaftliche Produkte aus MV konsumieren, um
etwas zuzulegen?
Selbstverständlich. Hauptsache es ist genug Pferd drin.

Hatten Sie früher mal die Chance auf einen FDGB-Platz an der Ostsee oder einen der begehrten Campingscheine?
Nein, ich war Reisekader und musste immer ans Mittelmeer in den Urlaub. Das war echt hart für mich, da ja alle anderen hierbleiben mussten.



Hätten Sie ihren berühmten Pullunder am FKK
abgelegt?
Selbstverständlich nicht. Ich vermute auch, dass ich ihn gar nicht ausziehen kann. Zumindest habe ich es noch nie probiert.

Sie haben Architektur in Berlin und Minsk studiert. Ist ihnen schon die architektonische Ähnlichkeit der Neubrandenburger Stadthalle mit Sehenswürdigkeiten in Berlin oder
anderen Metropolen östlich der Elbe aufgefallen?
In Neubrandenburg harrt manches architektonische Kleinod. Es ist doch die Stadt der Vier Tore, oder? Das ist praktisch, denn da kann man in alle Richtungen raus.

Was können Sie dem Neubrandenburger Publikum bieten, was der Friese Otto oder Fips Asmussen nicht haben?
Allgemeinverständliche, adäquate Lösungen für komplexe Problemkonvolute, welche sich durch bloße Existenz für Jeden auf Erden zwangsläufig ergeben.

In der DDR galt die Zeitung als kollektiver Propagandist, Agitator und Organisator. Was ist zu Zeiten des Zeitungssterbens davon übrig geblieben?
Es ist wie in der Natur, es sterben ja nicht alle Zeitungen, sondern nur die Alten. Und ein Blatt wie dieses, welches sich mit Olaf Schubert – einem der größten Gedankengiganten der Gegenwart - öffnet, prophezeie ich, zwar keine goldene, aber zumindest eine silberne Zukunft.

Der Comedian Olaf Schubert ist am 3. Mai in der Stadthalle Rostock und
am 4. Mai in der Stadthalle Neubrandenburg mit
seinem Programm „So!“
zu erleben.

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