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Der harte Weg ins Leben

Schwester Birgit Rasch kümmert sich behutsam um die Frühchen auf der Kinderintensivstation. Sie arbeitet seit 27 Jahren im Neubrandenburger Klinikum. Trotz der langjährigen Erfahrung ist jede Geburt für sie immer noch ein einziges Wunder. FOTOS: Caroline Liebow / © ultramarin - Fotolia.com (Hintergrund)
Schwester Birgit Rasch kümmert sich behutsam um die Frühchen auf der Kinderintensivstation. Sie arbeitet seit 27 Jahren im Neubrandenburger Klinikum. Trotz der langjährigen Erfahrung ist jede Geburt für sie immer noch ein einziges Wunder. FOTOS: Caroline Liebow / © ultramarin - Fotolia.com (Hintergrund)

VonCaroline Liebow

Heute am Kindertag stehen die Kleinen im Mittelpunkt. Auf der Kinder-
intensivstation im Klinikum Neubrandenburg ist das immer der Fall. 24 Stunden am Tag kämpfen Ärzte und Schwestern um das Leben von Frühchen und schwerkranken Kindern.

Neubrandenburg.Die Finger und Zehen zerbrechlich wie Streichhölzer. Die Haut dünn und rosig. Der Strampler eine Maßanfertigung. Schwester Birgit zieht sich Gummihandschuhe und einen grünen Kittel über. Dann schlüpft sie mit den Händen durch eines der Löcher im Brutkasten. „Gestern gab es den Ballon“, sagt sie mit einem Lächeln. Der rote Luftballon mit der Aufschrift „Hurra – 2000 Gramm“ hängt an dem großen durchsichtigen Kasten. Um ihn herum piepen, ticken und arbeiten unzählige Maschinen, Schläuche und Geräte. Sie vermelden Atmung und Herztöne. An einer Halterung neben dem Kasten hängt ein brauner Plüschbär mit Spieluhr. Der Kasten selbst ist mit einem Tuch abgedeckt, die Fenster sind mit weichen Vorhängen abgedunkelt. Das soll den winzigen Menschen im Kasteninneren vor zu grellem Licht schützen. Das Baby darin – ein Frühchen. Maya kam in der 30. Woche zur Welt, am 23. April. Gerade mal 43 Zentimeter war sie damals groß und wog noch 1480 Gramm. Die 2000 Gramm – ein Meilenstein auf der Kinderintensivstation K21 im Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. Hier werden schwerverletzte und sehr kranke Kinder versorgt – und natürlich die Frühchen.
Die K21 ist ein Perinatalzentrum Level 1. Damit ist es ein Haus der Maximalversorgung, was die Betreuung von Frühchen betrifft. 24 Stunden am Tag sind Spezialisten wie Neonatologen, Kinderchirurgen und -kardiologen sowie geschultes Betreuungspersonal anwesend. Von solchen Zentren gibt es insgesamt vier in ganz Mecklenburg-Vorpommern. Chefarzt Dr. Sven Armbrust leitet seit Januar 2012 die Klinik.
800 bis 900 Geburten sind es im Neubrandenburger Klinikum jährlich und rund acht bis zehn Prozent davon sind Frühgeborene. Gerade sie haben praktisch noch kein Immunsystem. Hygiene ist auf der Station deshalb lebenswichtig.

Hochsicherheitstrakt
mit Wohlfühlatmosphäre
Der Zugang zur Kinderintensivstation gleicht einem Hochsicherheitstrakt. Auf die Station kommt niemand ohne Erlaubnis oder eigenen Schlüssel. „Alles muss eben möglichst keimfrei sein“, erklärt Dr. Sven Armbrust, als er die große gelbe Stationstür öffnet. Er drückt einen silbernen Bügel an einem weißen Spender an der Wand mit dem Ellenbogen herunter. Durchsichtiges Desinfektionsmittel fließt auf seine Hände. Vor jeder Zimmertür ist einer dieser Spender. Die Wände der Station strahlen in hellem Gelb und Blau. An der Decke schweben kleine glitzernde Schmetterlinge. An den Wänden des langen Flurs hängen hier und da Fotos und Briefe von kleinen ehemaligen Patienten. „Danke für alles“ steht fast auf jedem Rahmen. Dr. Sven Armbrust geht auf das Stationspersonal zu. In seinem weißen Kittel und der weißen Hose sticht er aus der Gruppe blau gekleideter Frauen sofort heraus. „Wo beginnen wir unsere Visite?“, fragt er in die Runde. „Bei dem kleinen Marvin*“, antwortet Oberärztin Katrin Manzke. „Er hat immer noch Probleme mit der Atmung.“
Aus einem der Zimmer dringt Klappern und Rascheln. Mit schnellen, noch unbeholfenen Bewegungen schlägt Marvin mit seinen kleinen Händen gegen eine bunte Kette mit Rasseln. Sie hängt über ihm an seinem gelben Gitterbett. Um ihn herum stehen unzählige metallene Geräte. „Der Kleine war bereits Zuhause“, erklärt Chefarzt Sven Armbrust. „Wegen seiner Atemprobleme kam Marvin aber wieder auf Station.“ Er schaut auf die Monitore. Seine Stirn legt sich leicht in Falten. Marvin war damals, wie viele Kinder auf der Station, bei seiner Geburt nur eine Handvoll Mensch. Er entwickelte sich gut. Doch schon nach nur wenigen Monaten gibt es Probleme.
Ab der vollendeten 24. Schwangerschaftswoche ist ein Kind medizinisch überlebensfähig. Doch Lunge, Darm und andere Organe sind noch unreif, die Augen noch nicht voll entwickelt. Frühchen kommen deshalb in einen speziellen Brutkasten, werden über eine Magensonde ernährt und ihre Atmung wird stimuliert. Viel Technik für einen winzigen Menschen. Dank der guten Medizin schaffen es auch alle – bis auf einen geringen einstelligen Prozentsatz. Dennoch kämpfen Frühchen meist ihr ganzes Leben mit den Folgen ihrer zur frühen Geburt. Häufig sind sie anfälliger für Krankheiten, sind meist kleiner und leichter als gleichaltrige Kinder. Zudem können sie oft noch lange an ihrem „Aristokratenschädel“ erkannt werden – die hohe Stirn weil der Kopf in der ersten Zeit nach der Geburt im Brutkasten vor allem nach oben wächst.

Eltern sind Teil
der Station
Die Visite geht weiter. Ein paar Zimmer den Flur entlang liegt der kleine Louis. Er ist sieben Wochen alt und ruht in einem ganz normalen, schwarzen Kinderwagen. An seinem Kopf ist eine Venenkanüle angelegt. Aus seinem Strampler ragen grüne, rote und gelbe Kabel. Louis hat eine angeborene Herzerkrankung. „Es ist wie verhext“, sagt Oberärztin Katrin Manzke zum Chefarzt. „Jedes Mal wenn er nach Hause sollte, gab es Komplikationen“, ergänzt sie mit einem ernsten Blick. Sven Armbrust schaut auf die Monitore, beobachtet die Zahlen und Kurven. „Wir werden der Mutti dieses Mal nicht sagen, dass sie ihn vielleicht mitnehmen kann. Wenn alles so gut bleibt, rufen wir sie morgen früh einfach an.“ Auf der Kinderintensivstation sind die Eltern keine Besucher. Tag und Nacht können sie ihre Kinder sehen oder auf der Station anrufen. Die Bindung zwischen Eltern und Kind so eng wie möglich zu halten, ist dem gesamten Team wichtig. Gerade bei Frühchen kann das „Känguruhen“ sogar lebensentscheidend sein. Dabei werden die Kleinen auf die nackte Brust von Mutter oder Vater gelegt. Die Babys spüren den Herzschlag, nehmen Gerüche war. Die Kinder atmen dadurch ruhiger, nehmen schneller zu und sind außerdem zufriedener.
Die Mutter der kleinen Maya ist regelmäßig bei ihr. In ihrem in freundlichen Gelbtönen gestrichenen Zimmer, sitzt sie auf einem Entspannungssessel. Auf ihrer Brust liegt ihre gerade mal zwei Kilo leichte Tochter. Das Känguruhen hilft der Kleinen. Sie schläft tief und fest. Die Monitore zeigen regelmäßige Atmung und normale Herztöne an. „Wir schaffen das“, sagt sie und schaut zu ihrem Baby. „Ganz bestimmt.“ Ihr Blick verweilt lange. Genau verfolgt sie, wie sich der kleine Körper beim Atmen regelmäßig auf und ab bewegt. Wenn alles gut läuft, darf Maya am 10. Juni nach Hause.

Kontakt zur Autorin
c.liebow@nordkurier.de

*Name von der Redaktion geändert.

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