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Der NSU-Prozess und das große Los

VonSabine DobelundChr. Trost

Und jetzt die Ziehung der Presseplätze: Die Verbrechen der Neonazis sind beim Streit um die Akkreditierung fast in den Hintergrund geraten.

München.Hunderte Anfragen sollen es sein. In dem neuen Akkreditierungsverfahren für den NSU-Prozess haben sich weit mehr Medien um einen Platz beworben als im ersten. Gut eine Woche vor dem neuen Starttermin für den Prozess entscheidet heute das Los über die Verteilung der 50 Presseplätze. Dann will das Münchner Oberlandesgericht auch die Zahl der Bewerbungen bekanntgeben.
Die Plätze sind ausgeklügelt nach Mediengruppen aufgeteilt, bei den ausländischen werden vier Sitze an türkische Medien vergeben. Diese waren im ersten Rennen leer ausgegangen, obwohl acht Opfer der dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ zugeschriebenen Morde türkische Wurzeln hatten.
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird ein Notar die Ziehung vornehmen; der ehemalige SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel (87) kontrolliert als Zeuge den korrekten Ablauf. Das Verfahren ist transparent. Aus der Kritik ist das Gericht damit nicht.
Nach der Empörung über das Fehlen türkischer Medien folgt nun der Unmut der Tagespresse: Für 370 Zeitungen gibt es acht Plätze. „Damit macht das Oberlandesgericht München das Verfahren endgültig zur Farce“, schrieb die FAZ: „Willkommen bei der Münchner Presselotterie!“ Die Zeitung „Hürriyet“ fand, vier Plätze für türkische Medien seien noch zu wenig.
Am zentralen Problem ändert sich nichts: Der Saal A101 ist zu klein für den großen Andrang in dem spektakulären Verfahren, das zu den wichtigsten in der deutschen Nachkriegsgeschichte zählt. Neben den 50 Presseplätzen gibt es nur 50 Plätze für die übrige Öffentlichkeit.
In dem Plätze-Trubel scheinen die Neonazi-Verbrechen in den Hintergrund gerückt zu sein. Die Untersuchungsschüsse, die versuchen Ermittlungspannen aufzuarbeiten, bekommen kaum Echo. Berichte über neue V-Mann-Details kamen kurz in die Schlagzeilen. Dass Deutschland im UN-Menschenrechtsrat wegen fehlerhafter Ermittlungen bei den NSU-Morden zu mehr Anstrengungen im Kampf gegen Rassismus aufgerufen wird, zeigt das eigentlich brisante Thema.

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