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Die Chefin reitet den Zickenbock

Senta Meyer vor einem ihrer Lieblingswagen - dem Zickenbock. Die Vorsitzende ist die einzige Frau im IFA Landesverband, hat „ihre“ Männer aber im Griff.
Senta Meyer vor einem ihrer Lieblingswagen - dem Zickenbock. Die Vorsitzende ist die einzige Frau im IFA Landesverband, hat „ihre“ Männer aber im Griff.

Senta Meyer wirkt erstaunlich gelassen. Immerhin wird sie in wenigen Stunden rund 500 Oldtimer dirigieren, die von Burg Stargard aus knapp 20 Kilometer nach und durch Neubrandenburg rollen werden. Heute Punkt 19 Uhr geht’s los. Gegen 20 Uhr soll die lange Kolonne am Bethanien-Center im Norden der Viertorestadt ankommen. 24 Stunden vorher klingelt ihr Telefon fast ununterbrochen. Immer wieder fragen „ihre Jungs“ vom Verein, dem IFA Landesverband, wo die Plakate anzuhängen sind. Erinnern sie zugleich daran, an was sie noch alles zu denken hat. Zwischendurch druckt sie an einem Riesen-Gerät die letzten Werbematerialien für das Oldtimer-Wochenende zu Pfingsten auf dem Terrain der ehemaligen Flachsröste aus.

Dabei kann Senta Meyer noch nicht einmal genau sagen, ob es nun 500, 510 oder 520 Pkw und Lkw, Traktoren und Motorräder sein werden, die beim Korso mitmachen werden. „Auf jeden Fall mehr als 500 Zwei-, Vier-, Sechs- und Achträder, sagt sie und schmunzelt. Ihre partielle Ungewissheit rührt daher, dass neben den 25 IFA-Mitgliedern, die die eigenen Gefährte lenken, auch wieder viele Freunde und Bekannte insbesondere aus dem Osten Deutschlands nach Burg Stargard kommen werden. „Wir haben aber auch ein paar Wessis unter unseren Stammgästen – aus Niedersachsen, ja sogar aus Bayern“, sagt Senta Meyer, die als einzige Frau im Verein den Laden routiniert leitet. „Oft handelt es sich dabei um Ossis, die in den Westen gegangen sind und jetzt mit ihrem restaurierten Trabi herkommen.“

Der neue Salonwagen ist der Stolz des Vereins

Die IFA-Leute werden vor allem mit diversen Lastkraftwagen am Start sein. Einige wunderbar sanierte Kleinlaster der Marke Framo, dem Vorläufer des Barkas, gehören dazu, insbesondere aber etliche W 50. Produziert im Werk Ludwigsfelde des DDR-Industrieverbandes Fahrzeugbau (IFA) – quasi dem Namensgeber des Burg Stargarder Vereins. Das verpflichtet natürlich. Die neueste W50-Kreation gefertigt in der Werkstatt der ehemaligen Flachsröste, dem Vereinssitz: Der Salonwagen. Ehemalige DDR-Bürger werden die Kastenaufbauten kennen, in denen unter anderem die LPG-Bauern auf die Felder gefahren wurden. Ein solcher Aufbau wurde von den IFA-Leuten den Winter über aufwendig restauriert und umgestaltet – quasi zum neuen Wohnzimmer des Vereins.

Mit einem Lächeln im Gesicht schließt Senta Meyer die hintere Tür auf und freut sich über die verblüffte Reaktion. Eine Sesselgruppe, ein Tisch, ja sogar Gardinen vor den Fenstern. Mit dem außergewöhnlichen Gefährt will der Verein künftig auf Reisen zu anderen Oldimertreffen gehen. Klar, dass der Salonwagen der Stolz aller IFA-Mitglieder ist. Immerhin haben sie ein Jahr Arbeit reingesteckt.

„Außer Motorschäden habe ich eigentlich alles selbst repariert“

Die Ehre, den weißen W 50 mit rotem Rahmen zu fahren, hat Friedrich Böttcher, den jeder im Verein nur Bubi nennt. Der heute 73-Jährige aus Burg Stargard saß 40 Jahre auf dem Bock. Er fuhr fast alle Lkw- und Transporter-Typen, die es in der DDR gab: Angefangen vom Framo für den Konsum, danach Barkas, S 4000 und natürlich den W50. Das waren noch die Zeiten, als ein Lasterfahrer nicht den Pannendienst rufen konnte, der seinen kaputten Lkw wieder ins Laufen brachte. Der Fahrer musste gleichzeitig auch KfZ-Schlosser und auf alles gefasst sein.

„Außer Motorschäden habe ich auf der Autobahn eigentlich alles selbst repariert“, sagt Bubi und zählt auf: Kupplung, Getriebe, Zylinderkopfdichtung, Elektrik und Bremsleitung. „Wenn die Bremsleitung kaputt war, haben wir sie an einer Stelle breit gehauen, damit sie wieder dicht war. Anschließend wurde sie entlüftet und weiter ging’s.“ Heute verbringt Bubi jede freie Minute auf dem Gelände der ehemaligen Flachsröste, den Betrieb, für den er jahrelang als Kraftfahrer tätig war.

Die Senioren sind hier einfach unverzichtbar

„Er wie unsere anderen Senioren sind einfach unverzichtbar“, sagt Senta Meyer. Je älter die DDR-Oldtimer werden, desto öfter fehlten die technischen Beschreibungen. Die früheren Lkw-Fahrer und Kfz-Schlosser würden ihre DDR-Autos aber in der Regel noch in und auswendig kennen. „Die geben ihr Wissen an uns weiter, sonst ist es irgendwann weg“, sagt sie.

Während „ihre“ Männer vom Verein derzeit auf den Salonwagen stehen, liebt Senta Meyer neben dem schweren Sattelzug namens „Der Drache“ vor allem ihren „Zickenbock“ über alles. „Das ist mein Baby.“ Der heute himmelblaue W 50 stand – zum Verfall preisgegeben – irgendwo in Thüringen ’rum. Kinder hatten ihn mit alter Farbe zugekleistert. Der Rost Besitz ergriffen. „Da waren richtig dicke Farbschichten drauf. Die mussten wir mit der Flex runterholen“, erinnert sie sich. Die Männer übrigens, die kämen mit diesem W 50 gar nicht zurecht, sagt Senta Meyer todernst: „Bei ihnen bleibt der Zickenbock stehen, wirft sie ab oder zerreißt ihnen die T-Shirts. Nur bei mir bleibt er immer sanft.“

Zum IFA Landesverband kam die zierliche Frau übrigens übers Neubrandenburger Bethanien-Center: Sie arbeitet dort für den Bereich Marketing. Das Center wiederum unterstützt den Verein von Anfang an. Ihren Lkw-Führerschein hat Senta Meyer zu DDR-Zeiten gemacht. Sie spielte in einer Band und kutschierte den Robur-Lkw der Musiker. Heute wird sie wieder auf ihrem Zickenbock reiten. Am Ende des langen Feldes – sozusagen als Lumpensammlerin. Autos, die stehen bleiben, wird Senta Meyer an den Haken nehmen. Wenn sie dann irgendwann nach 20 Uhr am Zielpunkt angekommen ist, kann die Vereinschefin noch nicht aufatmen. Schließlich folgt noch das Oldtimertreffen am Sonnabend und Sonntag mit Spaß und Spannung für Jung und Alt den ganzen Tag, die Oldie Company (Samstag, 20 Uhr) und einer bunten Show am Sonntagabend.

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