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Durch die Stadt gezuckelt mit Hungerharke und Mähbinder

VonKarl-Heinz Engel

Landwirtschaft wird auch heute im Stadtgebiet betrieben. Die Ackerbürger aber gibt es schon lange nicht mehr.

Neubrandenburg.Hufschlag und Ackerwagengepolter, Marktfrauen, die Milch, Butter, Speck und Eier feilbieten, Pferdeäpfel und Kuhfladen auf Pflaster und Trottoir, all das hat es auch in Neubrandenburg gegeben. Zur Versorgung der Einwohner mit Lebensmitteln trugen nämlich zum guten Teil die ortsansässigen Ackerbürger bei.
1885 waren in der Stadt 60 solcher Betriebe gemeldet. 1974 gab der letzte Ackerbürger auf. Manfred Schmidt heißt er. Wehmut befällt den heute 80-Jährigen nicht gerade, blickt er auf die alten Zeiten zurück. Dafür sei der Alltag als Landwirt zu beschwerlich gewesen. Reich seien Ackerbürger zudem nie geworden. Aber man habe sein Auskommen gehabt und sei Herr auf eigener Scholle gewesen, sagt Manfred Schmidt. Er hatte das Gehöft in der Pfaffenstraße 38 einst von seinem Vater Walter übernommen.
Schmidts bewirtschafteten 12 Hektar Feld und Wiese. Die lagen wie bei den meisten Ackerbürgern verstreut in der Neubrandenburger Gemarkung. Wo die Häuser von Südstadt, Oststadt, Reitbahnviertel und Datzeberg aufragen, lag vor Jahrzehnten fruchtbares Land. Die Wege dorthin erwiesen sich jedoch als recht weit und beschwerlich für die meist in der Innenstadt wohnenden Bauern.
Bis Nettelkuhl zum Beispiel war man ziemlich eine Stunde unterwegs. „Hatten wir die erste Furche gezogen, legte man draußen auf den Landgütern schon die erste Pause ein“, erinnert sich Manfred Schmidt. Um Transportaufwand zu sparen, koppelten die Stadtbauern zwei Fuhrwerke hintereinander. Das bewährte sich aber nur auf ebenen Wegen. Den Datzeberg hinauf wurden die Wagen wieder einzeln gezogen. Die Pferde hatten sich mächtig in die Sielen zu stemmen, um die Fuhrwerke auf die Anhöhe zu bewegen. Beim Dungfahren spannten die Ackerbauern häufig drei, manchmal auch vier Rösser vor einen Wagen. „Anders waren die Hangpartien nicht zu meistern“, erzählt Manfred Schmidt.
Schon vor dem Krieg schafften sich die meisten Ackerwirte moderne Technik an. Zuckelten sie mit ihren Hungerharken, Mähbindern und Dreschkästen durch die Stadt, war das ein Ereignis vor allem für jene, die mit der Landwirtschaft nicht verbunden waren.
Die Städter lebten vor dem Krieg größtenteils von dem, was die Bauern lieferten. An Markttagen machten die Mamsells der wohlhabenden Neubrandenburger, von denen es eine Menge gegeben haben soll, die Runde von Stand zu Stand. Hier wurde probiert und dort gehandelt. „Letztlich fand jede Chefköchin, was sie suchte“, sagt Manfred Schmidt, der noch vieles vom dem weiß, was seine Eltern erzählten. Dass Lebensmittel um den halben Erdball kutschiert wurden wie heute, habe es damals noch nicht gegeben.
Der Ackerbürgerstand ernährte natürlich auch seine eigenen Familien. Das aber änderte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Altbauernwirtschaften hatten ein enormes staatliches Ablieferungssoll zu entrichten. Zugtiere, Zuchtvieh und Technik waren jedoch von der Besatzung konfisziert worden. Es fehlte Saatgut. Wer sein Soll nicht einlöste, hatte sich als Wirtschaftssaboteur zu verantworten. „Kaum vorstellbar, wir hungerten in den Nachkriegsjahren, obwohl wir Bauern waren“, berichtet Manfred Schmidt. Nur allmählich ging es aufwärts. Doch dann braute sich neues Ungemach zusammen. LPG-Werber gingen um. Manfred Schmidt hatte inzwischen die Hofstelle von seinem Vater übernommen. In eine LPG jedoch ließ er sich nicht pressen. Auch als der Parteisekretär der LPG „Wismut“ Fritscheshof, der er zugeschlagen werden sollte, drohte, ihn und seine Familie auszuhungern. „Und Kreisgerichtsdirektor Fenhus kündigte an, mich einzusperren, sollte ich weiter die LPG-Eintrittsunterschrift verweigern“, erzählt der 80-Jährige.
Manfred Schmidt vertraute sich in seiner Not Pastor Wossidlo an. Der schrieb an Walter Ulbricht. Der Brief muss der Obrigkeit gehörig Respekt eingeflößt haben, denn nun ließen Partei- und Staatsführung von dem Widersetzigen. Bis 1974 bewirtschaftete Manfred Schmidt die Hofstelle weiter. Dann aber gab der letzte Ackerbürger auf und nahm eine Kraftfahrerstelle im Krankenhaus an. Die Ära eines uralten Berufsstandes war damit zu Ende gegangen.
Dennoch: Bei Neubrandenburg von einer Ackerbürgerstadt zu sprechen, missfällt Manfred Schmidt. Schließlich habe es sehr viel mehr Handwerker gegeben als Stadtbauern, sagt er. So seien 1885 allein 86 Schuhmacher und 59 Schneider innerhalb der Wehrmauer ansässig gewesen. Neubrandenburg des zugkräftigeren Marketings halber Vorderstadt zu nennen, findet er sinnvoller.

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