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Entscheidung über Nacht für mehr als zwei Jahrzehnte

Von ihren Kolleginnen bekam Inge Teetz (links) jeweils eine Rose – auch von ihrer Nachfolgerin Roswitha Bohn. [KT_CREDIT] FOTO: Anke Brauns
Von ihren Kolleginnen bekam Inge Teetz (links) jeweils eine Rose – auch von ihrer Nachfolgerin Roswitha Bohn. [KT_CREDIT] FOTO: Anke Brauns

VonAnke Brauns

Von Hundert auf Null – das geht nicht. Nach 23 Jahren als Leiterin der Beruflichen Schule am Klinikum will Inge Teetz auch im Vorruhestand noch Wissen weitergeben.

Neubrandenburg.„So sehen also unsere Rentner aus!“ Was Winfried Balschat, Verwaltungsdirektor des Bonhoeffer-Klinikums bei der Verabschiedung von Inge Teetz anerkennend und lachend sagt, denken wohl viele Gäste. Nach Ruhestand – wenn auch Vorruhestand – sieht die 58-Jährige aus Rühlow nicht aus. Aber nach rund 34 Jahren im Schuldienst und fast 23 Jahren an der Spitze der Beruflichen Schule am Klinikum macht sie Schluss.
Mit zwiespältigen Gefühlen gehe sie schon, sagt sie. Einerseits könne sie jetzt Dinge tun, für die vorher wenig Zeit war, wie Lesen, Theater, Reisen, ihre Enkelin Paula. Andererseits habe sie jetzt aber auch zehn Stunden eines bisher stark strukturierten Tages, „die ich anders füllen muss“. Deshalb verwundert es nicht, dass sie wohl einen Lehrauftrag annimmt und an der Beruflichen Schule und der Hochschule weiter Wissen vermittelt. „Lehrer sein, das war schon immer meins“, begründet sie.
Deshalb hat Inge Teetz nach ihrer Ausbildung zur Medizinisch-Technischen Assistentin (MTA) für Radiologie auch fast nahtlos weitergemacht und Medizinpädagogik studiert. 1979 kam sie als frischgebackene Lehrerin nach Neustrelitz, unterrichtete bis zur Wende angehende Krankenschwestern, Röntgenassistenten und andere Berufe. Wie so viele in der Zeit des Umbruchs landete Inge Teetz 1990 quasi über Nacht bei ihrem Job als Schulleiterin, nachdem sich die bisherige Leiterin verabschiedet hatte. „Vom Kreis hieß es damals: Entweder ihr findet innerhalb von 24 Stunden selbst einen Nachfolger oder wir setzen euch einen hin. Das wollten wir nicht. Die Kollegen haben gesagt: Mach’s doch“, erinnert sie sich. Auch die Familie habe ihr sofort zugeredet. Inge Teetz sagte zu.
Ganz offensichtlich eine gute Entscheidung. Beharrlichkeit, Durchsetzungsvermögen, Gewissenhaftigkeit, dabei aber eine kollegiale, einfühlsame Art, bescheinigen ihr die Redner beim Abschied. Und dass die Schule ohne sie nicht das wäre, was sie heute ist. Unverzichtbar für das Klinikum, wie Winfried Balschat sagt, „sonst hätten wir wohl schon erhebliche Nachwuchssorgen“.
Mehr als 3500 Schüler haben dort seit Inge Teetz’ Amtsantritt ihre Ausbildung absolviert. Die 90er Jahre, sagt sie, waren besonders spannend. Als die Strukturen „noch nicht so festgezurrt“ waren. „Wir haben das selbst angepackt, wussten, wir machen das für uns“, erklärt sie. Zum Glück habe es damals an wichtigen Positionen Leute gegeben, die erkannten, wie fortschrittlich die Ausbildung im Gesundheitswesen in der DDR war und diese Strukturen erhielten. 1992 zog sie mit Schülern und Lehrern aufs Gelände des Klinikums, das im Jahr zuvor die Trägerschaft für die Schule übernommen hatte. Seit 2008 ist die Schule im ehemaligen Einstein-Gymnasium in der Oststadt untergebracht.
Neben mehreren Ausbildungsberufen gibt es seit 2005 eine Kooperation mit der Hochschule. Alle zwei Jahre startet ein dualer Studiengang in Pflegewissenschaften/Pflegemanagement, gekoppelt mit einer Ausbildung zum Altenpfleger oder Gesundheits- und Krankenpfleger. „Die bisherigen Absolventen haben auch alle einen Job. Sie haben Bachelor und Beruf – da fassen sie in der Praxis besser Fuß“, weiß Inge Teetz, die inzwischen auch schon Kinder ehemaliger Schüler als neue Schüler begrüßt hat. „Dann wird es Zeit“, findet sie. Auch Roswitha Bohn, ihre Nachfolgerin an der Spitze der Schule, war schon ihre Schülerin.

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a.brauns@nordkurier.de

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