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Gang zu hungrigen Kindern und schimpfenden Eltern

Was piept denn da? Die Teilnehmer der Wanderung waren gut ausgerüstet.
Was piept denn da? Die Teilnehmer der Wanderung waren gut ausgerüstet.

VonAnke Brauns

In den Vogel-Kinderstuben ist jetzt ordentlich was los. Ornithologe Joachim Stapel gewährte Teilnehmern einer Wanderung jetzt wunderbare Einblicke.

Neubrandenburg.„Mal gucken, wer zu Hause ist.“ Joachim Stapel steckt die zwei Stangen zusammen, fasst mit einem vorne befestigten Blech in den Schlitz am Nistkasten und holt ihn behutsam vom Stamm herunter auf die Erde. Der Ornithologe vom Naturschutzbund (Nabu) schiebt das Dach nach hinten. Die Eltern sind ausgeflogen, auf Futtersuche. Joachim Stapel fiept leise. Gelbe Schnäbel, die sich scheinbar riesig aus winzigen nackten Blaumeisen-Gesichtern emporrecken, werden weit aufgerissen. Mehrere Köpfe schieben sich über dem geöffneten Nistkasten zusammen und nicht nur die Augen von Henning Schult strahlen. Der Elfjährige ist das einzige Kind bei der Nistkästenwanderung am Montag im Nemerower Holz. Schade eigentlich, findet Joachim Stapel, gerade für Kinder und Familien sei so eine Wanderung mit Blick in die Kinderstuben spannend. „Wir sind begeistert“, bestätigt Hennings Mutter Diana Schult.
Die 65 Nistkästen an diesem Wanderweg, der am Augustabad abzweigt, hat Stapel vor drei Jahren aufgehängt – für Kleinvögel, aber auch für Fledermäuse und Bilche sowie Haselmaus, Sieben- oder Gartenschläfer. Zwei Insektenhotels sind ebenfalls dabei. Zum Beispiel ein Hornissenkasten, der jetzt auch besetzt ist, wie Stapel mit den Teilnehmern des Rundgangs feststellt. Die Königin sei „am Bauen“. Die Information reicht ihm aber aus, aus der Nähe kontrollieren will der Neubrandenburger dort nicht mehr. Er hat schon schmerzvolle Erfahrungen mit Hornissen gemacht. Ein Stich ins Ohr und ein unfreiwilliger Rutsch vom Baum vor Schreck – das reicht ihm, erzählt er. Wenn’s gut läuft, wohnen in diesem Kasten irgendwann hunderte Hornissen als Staat zusammen, weiß er.
Bei einer Proberunde in der vergangenen Woche hat Joachim Stapel schon viele besetzte Kästen gefunden, in denen Kohl- und Blaumeisen, Kleiber und Gartenrotschwanz brüten. Bei einer Meise zählte er sogar 16 Eier. Die Brut des Rotschwanzes allerdings muss bei der Wanderung von seiner Frau Martina als Verlust im Buch vermerkt werden. Das Gelege ist geplündert. „Das Loch war letzte Woche schon vergrößert, jetzt hat ein Beutegreifer, vielleicht ein Specht oder Eichhörnchen, das Gelege geholt“, sagt der Fachmann. Mit einer Blechplatte wird er nun den Eingang wieder auf 30 Millimeter Durchmesser schrumpfen, damit nicht noch mal ein Räuber rankommt.
In den meisten Vogelwohnungen erwarten die Wanderer jedoch erfreuliche Anblicke. Gleich im ersten Fledermauskasten hängt eine Zwerg- oder Mückenfledermaus. „Da müsste man die Arme messen, um sie genau zu unterscheiden“, erklärt Joachim Stapel. Wenn das Quartier zu einer Wochenstube werde, sei für zehn bis zwölf Tiere Platz. An mehreren Meisenkästen sehen die Teilnehmer der Runde Mama oder Papa Meise ausfliegen, als der Ornithologe die Kästen herunterholt. „Mit einer kleinen Störung können die Tiere leben“, sagt er aus jahrzehntelanger Erfahrung, während ein Altvogel vom benachbarten Baum herunterschimpft und wartet, dass das Nest an seinen Platz zurückkehrt. Die Wanderer hören auch Buchfinken, Bunt- und Grünspecht und beobachten eine Schellente, die aufgeregt hin und her fliegt und offensichtlich eine alte Schwarzspechthöhle ansteuern will.
Die meisten Jungvögel sind erst wenige Tage alt. Kurz bevor sie flügge werden, wird Joachim Stapel noch mal kontrollieren. Demnächst ist er auch auf dem Wall zur Kontrolle unterwegs. Dort hat er zusammen mit der Evangelischen Schule ein neues Nistkastenprogramm gestartet (der Nordkurier berichtete).

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