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Gesundheitsrisiko oder wichtige Investition? Experte widerspricht Funkmast-Gegnern

Dieser tote Baum ist nicht von Funkwellen „gemordet“ worden. Das Gesundheitsrisiko von elektromagnetischen Feldern ist indes sehr umstritten. [KT_CREDIT] FOTO: S. Haerter/Archiv
Dieser tote Baum ist nicht von Funkwellen „gemordet“ worden. Das Gesundheitsrisiko von elektromagnetischen Feldern ist indes sehr umstritten. [KT_CREDIT] FOTO: S. Haerter/Archiv

VonAndreas Segeth

Die Bürgerinitiative aus Broda hat sich an die Kanzlerin gewandt, um den Bau einer Antenne zu verhindern. Doch ein Bewohner des Stadtteils warnt vor Panikmache.

Neubrandenburg.Wolfgang Schneider ist ganz sicher nicht der Typ, der zu großen Emotionsausbrüchen neigt. Aber der jüngste Bericht in der Neubrandenburger Zeitung über eine Bürgerinitiative in Broda, die sich an die Bundeskanzlerin wendet, um eine große Antenne für Mobilfunk-Übertragung zu verhindern, lässt ihn dann doch über seinen Schatten springen und mit einem dicken Stapel an Untersuchungsergebnissen und Verordnungen in der Neubrandenburger Lokalredaktion des Nordkurier auftauchen.
Der heutige Ruheständler, der selbst in Broda wohnt, hat über 40 Jahre im Arbeitsschutz gearbeitet, davon lange im zuständigen Landesamt, er kennt sich mit der Materie der schädlichen Umwelteinflüsse aus. Schneider arbeitet zwar für die CDU ehrenamtlich in der Stadtvertretung, er betont aber, dass er in dieser Sache weder als Lokalpolitiker noch für irgendeine Behörde spricht.
Bislang gebe es keine einzige Studie, die einen kausalen Zusammenhang zwischen elektromagnetischen Feldern und Krankheiten bewiesen habe, sagt er. Selbst bei Beschäftigten der Mobilfunkbranche, die permanent höheren Konzentrationen der Strahlung ausgesetzt seien, seien solche Effekte nicht nachgewiesen.
Damit möchte er auch möglichen Ängsten entgegenwirken, die die BI gegen den Mobilfunkmast in Broda vielleicht erzeugt. Denn quer über das ganze Stadtgebiet ziehen sich etliche Mobilfunkmasten, über 50 hat die BI gezählt. All diese müssten dann gesundheitsgefährdend sein. Und jede Behörde, die dies zulasse, würde die Erkrankung der Bevölkerung zumindest billigend in Kauf nehmen. „Das ist Quatsch“, sagt er.
In Broda gebe es eine denkbar schlechte Mobilfunkanbindung. Schneider gibt zu bedenken, dass höhere Grenzwerte, wie die Bürgerinitiative sie fordert, auch eine niedrigere Leistung der Mobilfunkmasten zur Folge hätten. Somit bräuchten die Versorger sogar mehr Masten, um ihrem Versorgungsauftrag gerecht zu werden.
Das gesamte Fachgebiet sei umfangreich erforscht worden – auch auf Betreiben von Bürgerinitiativen wie jener, die sich um Wolfgang Kresse in Broda formiert hat. Das Ergebnis sei, dass die elektromagnetische Strahlung lediglich eine gewisse oberflächliche thermische Wirkung habe, die nicht gesundheitsschädlich sei.
Es gebe auch Blindversuche, mit denen beispielsweise Schlafstörungen und Übelkeit untersucht wurden, die auf Mobikfunkstrahlung zurückgehen sollten. Dazu seien die Strahlenquellen aus und wieder eingeschaltet worden – die gefühlten Beschwerden der Testpersonen seien mit den tatsächlichen Strahlenquellen aber nicht im Einklang gewesen.
Dennoch will Wolfgang Schneider die beklagten gesundheitlichen Beschwerden von einzelnen Personen nicht abschätzig bewerten. „Es gibt Menschen, die an bestimmte Grenzwerte glauben und sie fühlen“, sagt er. Der Mensch habe eine „sehr komplizierte Psyche“. Es sei ihm in seinem jahrzehntelangen Berufsleben oft begegnet, dass Menschen Belastungen eher fühlten als dass sie tatsächlich vorhanden gewesen wären. Deshalb seien sie trotzdem ernst zu nehmen.
Sehr kritisch betrachtet er dagegen die Messungen, die die Bürgerinitiative im Stadtgebiet vorgenommen habe. Hier vermisse er die nötige ingenieurwissenschaftliche Sorgfalt. Denn für jede Wellenlänge benötige man eine spezielle Antenne, damit andere Wellen, von denen es unzählige in der Luft gebe, nicht mitgemessen werden.
Für irreführend hält er allein schon die verwendete Maßeinheit der Bürgerinitiative. Diese hat die von ihr veröffentlichten Messergebnisse der elektromagnetischen Spannung in der Innenstadt in Mikrowatt angegeben. So habe sie am Stargarder Tor 10 Mikrowatt pro Quadratmeter gemessen, auf dem Marktplatz den höchsten Wert mit 2300 Mikrowatt. Ein Mikrowatt sei aber nur ein Millionstel Watt. Korrekt müsste es also heißen, dass am Stargarder Tor 0,00001 Watt gemessen worden seien und auf dem Marktplatz 0,0023 Watt. Zum Vergleich: Ein normales Haushaltsgerät verbraucht im Standby-Betrieb eine elektrische Leistung zwischen 1und 10 Watt.

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