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Gewerkschaften verzeichnen in der Region starken Zulauf

VonAndreas Segeth

„Ein neuer Mut“ und die Unzufriedenheit mit ihren Arbeitsbedingungen treiben den Gewerkschaften neue Mitglieder zu. Teilweise sind halbe Belegschaften geschlossen beigetreten.

Neubrandenburg.Während in den vergangenen Jahren die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmer in Neubrandenburg und Umgebung eher stagnierte, ist seit rund einem Jahr ein starkes Anwachsen der Mitgliederzahlen zu verzeichnen. Das hat Gisela Ohlemacher, Regionalvorsitzende des DGB Ost, gegenüber dem Nordkurier erklärt.
So seien beispielsweise vor einem Jahr nur zwei der insgesamt 140 Mitarbeiter der Neubrandenburger Semcoglas Glastechnik GmbH in der IG Metall organisiert gewesen, heute seien es dort 60Prozent, sagt Gewerkschaftssekretär Jan Kuhnert. Im vergangenen Juni sei dort auch ein Betriebsrat gewählt worden. Mario Klepp, Neubrandenburger Gewerkschaftssekretär von der Gewerkschaft für Nahrung Genuss Gasstätten (NGG), hat ein ähnliches Beispiel parat. In den Altentreptower Milchwirtschaftsbetrieben traten 2012 über 100 weitere Mitarbeiter der NGG bei, obwohl der Organsiationsstand der mehr als 500 Mitarbeiter zuvor schon gut gewesen sei.
Erst vor zwei Wochen seien im Wolgaster Kreiskrankenhaus rund 150 Mitarbeiter der Gewerkschaft Verdi beigetreten, berichtet Ohlemacher. Das seien aber nur die herausstechendsten Beispiele aus der Region. Bundesweit werden derzeit täglich rund 1000 Menschen Gewerkschaftsmitglied. Dass dieser Trend ebenso für den Landkreis Mecklenburgische Seenplatte und in Vorpommern-Greifswald gelte, bestätigt auch IG-Bau-Gewerkschaftssekretär Jörg Dahms. Allein Verdi verzeichnete in diesen beiden Landkreisen von Januar bis März 182 Neuaufnahmen. Zurzeit seien im Bereich des Landkreises Mecklenburgische Seenplatte und des ehemaligen Uecker-Randow-Kreises rund 20000 Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert, so Ohlemacher.
Die Ursachen für das derzeitige Anwachsen liegen für die vier Gewerkschafter klar auf der Hand. Die wichtigste sei ein gestiegenes Selbstbewusstsein und „ein neuer Mut“ der Arbeitnehmer. Das habe auch mit dem Wandel auf dem Arbeitsmarkt zu tun. Gut ausgebildete Fachkräfte seien mittlerweile auch im Nordosten Mangelware. Die Arbeitgeber müssen sich mittlerweile große Mühe geben, gute Leute zu finden und zu halten.
Hinzu komme dann die Unzufriedenheit mit außertariflicher Bezahlung, ungenügenden Überstundenregelungen, familienunfreundlichen Schichtmodellen und auch die bundesweite Diskussion um den Mindestlohn trage ihren Teil dazu bei. Nicht immer gehe es um extrem niedrige Löhne wie beispielsweise in vielen kleinen Backbetrieben, wo teilweise zu Stundenlöhnen von 5,30 Euro gearbeitet werde, sagt Mario Klepp. In der regionalen Milchwirtschaft beispielsweise kämpfe man um die Angleichung an die Westtarife von 14,08 Euro auf 16Euro. Eine solche Anpassung habe man in der Anklamer Zuckerfabrik beispielsweise schon geschafft – dort verdiene man nun das gleiche wie die Kollegen in München.

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