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Große Abiparty geht richtig ins Geld

VonDominique Cirstea

Für jeden Schüler ist es die größte Auszeichnung, endlich das Abiturzeugnis in den Händen zu halten. Am nächsten Wochenende finden die Abibälle vieler Neubrandenburger Gymnasien statt. In den letzten zehn Jahren sind die Traditionen rund um das lang ersehnte Reifezeugnis wieder mehr in den Mittelpunkt gerückt.

Neubrandenburg.Endlich – es ist geschafft! Zwölf Jahre früh aufstehen, Vokabeln lernen und Wurzeln ziehen für diesen einen Satz: Ich hab mein Abi in der Tasche! Ein bedeutender Abschnitt im Leben eines jungen Menschen, der natürlich gebührend gefeiert werden muss.
Doch das war nicht immer so. „Nach der 68er Studentenbewegung gab es einen Bruch – man wollte weg von den Traditionen, weg von allen Festlichkeiten. Niemand wollte damals eine feierliche Zeugnisübergabe, geschweige denn einen Abiball ausrichten“, erinnert sich der Schulleiter des Sportgymnasiums, Winfried Schneider.

„An Grenze der finanziellen Zumutbarkeit angelangt“
Heutzutage sei es jedoch genau umgekehrt. Prunkvoll, glamourös, exklusiv müsse er sein, der Abschied von der Schule, von den Freunden, von den Lehrern. „Wir sind an die Grenze der finanziellen Zumutbarkeit gelangt. Für eine Karte zum Abiball bezahlen Schüler heute rund
50 Euro. Einige Familien können diese Summe einfach nicht stemmen“, bemängelt Schneider. Er sieht sich als Fürsprecher derer, die es sich nicht leisten könnten, zur Würdigung ihrer Tochter oder ihres Sohnes zu kommen und mahnt, dass ein solches Event auch ohne viel Tam Tam abgehalten werden könne.
Dieses Problem treibt auch Abiturientin Laura Rautmann um. „Als ich die gesamten Ausgaben für unseren
Abiball erfuhr, war ich ziemlich überrascht. Ich finde es sehr schade, dass alles mittlerweile so teuer geworden ist. Sicherlich gibt es Möglichkeiten, einen Ball auch im kleineren Rahmen, also weniger pompös, doch trotzdem dem Anlass entsprechend zu zelebrieren. Ich denke aber, es ist der Wunsch der Mehrheit, diesen Tag groß zu feiern“, schätzt sie ein.
Dass es durchaus möglich ist, einen Abiball auf einer angemessenen und doch kostengünstigen Ebene abzuhalten, hätten manche Klassen in den vergangenen Jahren unter Beweis gestellt, erinnert Winfried Schneider. „Wir haben schon überall gefeiert“, sagt er und lacht. „In Turnhallen, im Finanzamt, sogar im Bethanien Center.“ Geändert habe sich meist nur die Location, und damit der Preis – das Rahmenprogramm, das einen guten Ball ausmache, sei jedoch immer sehr niveauvoll geblieben.
Neben den Kulissen hat sich indes auch der wohl wichtigste Aspekt verändert – die Garderobe. „In den letzten Jahren sind die Wünsche spezieller geworden. Vieles muss angepasst oder geändert werden. Heute ziehen die Damen auffallendere, farbenfrohere Kleider an. Einige interessieren sich auch für einen ähnlichen Stil wie man ihn bei Brautkleidern findet“, weiß Peggy Köhn-Ramm, Inhaberin des Hochzeits- und Festmodengeschäfts Hofema. Solch Exklusivitäten spiegeln sich auch im Preis wieder. Dieser liege im Durchschnitt bei einer Spanne von 150 bis 300 Euro, wobei es auch hier größere Abweichungen gäbe, schätzt die Expertin ein. Die Suche nach dem richtigen Outfit könne sich zu einer harten Geduldsprobe für alle Beteiligten entwickeln.
Soweit ist es bei Laura nicht gekommen. Ihr Abiballkleid hängt sicher im Kleiderschrank und wartet darauf angezogen zu werden. „Ich habe mir die Suche schwieriger vorgestellt. Zunächst hatte ich vor, nach Hamburg oder Berlin zu fahren, um das perfekte Kleid zu finden, dann bin ich aber in Neubrandenburg fündig geworden. Das war eher ein Zufall“, erzählt die 17-jährige lächelnd und sichtlich erleichtert.
„Es gibt aber auch junge Frauen, die nicht genau wissen, was ihnen steht. Einige tun sich auch schwer mit Kleidern. Meist ändert sich ihre Meinung, wenn sie erst einmal eines angezogen haben“, berichtet Peggy Köhn-Ramm von ihren Erfahrungen.

„Beiträge sind immer
niveauvoller geworden“
Damit man auch nach Jahren noch etwas von diesen Kleidern hat, gibt es glücklicherweise Erinnerungsbücher. Ein Abiturjahrgang verewigt darin jedes einzelne Gesicht – Lehrer oder Schüler –, jedes gemeinsame Erlebnis, jeden lustigen Spruch. Meist werden auch kleine Steckbriefe und füreinander verfasste Gedichte darin verewigt. Sozialkundelehrer Eberhard Witt ist von den Inhalten oft positiv überrascht. „Die Beiträge der Schüler sind in den letzten Jahren niveauvoller geworden. Sie geben sich immer mehr Mühe, um den Tutoren und Lehrern etwas zurückzugeben. Ich glaube, dass die Kinder wissen, was nach dem Austauschen der Bücher, nach der Zeugnisübergabe und der abendlichen Feier passiert. Aber darauf arbeiten sie schließlich hin.“
Für Laura Rautmann wird es an diesem Wochenende soweit sein. Ihr ist es wichtig, einen schönen Abschluss zu haben, um sich bewusst zu werden, wie wertvoll und prägend diese Zeit für sie war und noch einmal zurückzusehen, bevor es weiter geht. „In welcher Form dies geschieht ist im Grunde doch gar nicht wichtig.“

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red-neubrandenburg@nordkurier.de

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