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Heile Welt gibt es nur im Hochglanzmagazin

Heike Müller steht als Landwirtin voll im Leben. Den Landfrauenverband MV will sie moderner gestalten.  FOTO: Schipke
Heike Müller steht als Landwirtin voll im Leben. Den Landfrauenverband MV will sie moderner gestalten. FOTO: Schipke

Seit gut 100 Tagen steht Heike Müller aus Gessin neu an der Spitze der Landfrauen. Was sie den 1000 Frauen in den
13 Kreisverbänden Neues bieten will und wo sie auf Bewährtes setzt, sagte sie Ralph Schipke.

Welche Themen-Felder besetzen die Landfrauen traditionell und welche sollten unter ihrer Führung neu beackert werden?
Ein Klischeebild von uns Landfrauen ist ja: Wir stricken hauptsächlich Socken und backen Kuchen für Kuchenbasare und Kaffeekränzchen. Das gehört dazu, ist aber nur ein Aspekt all unserer Aktivitäten. Unsere große Klammer ist der ländliche Raum, den wir aktiv mitgestalten wollen. Unser Unterschied zu den Dorfklubs: dass wir uns auf die Frauen fokussieren. Ein anderer Aspekt, den ich viel stärker herausstellen würde, ist das Eingebundensein der dörflichen Gemeinschaft in größere Verbände und globale Zusammenhänge. Daraus ergibt sich ein überschaubarer Zugang unserer Mitglieder zur ganz großen Politik.
Wie schlägt sich der demografische Wandel in Ihrem Verband nieder?
Der Altersdurchschnitt bei den Landfrauen ist noch in den 50ern, geht aber auf das sechste Lebensjahrzehnt zu. Ich selbst bin ja 1991 quasi als junges Küken in den Verband gekommen. In den ersten Jahren trat der Landfrauenverband im Osten oft als wichtiger Arbeitgeber auf dem zweiten Arbeitsmarkt auf. Unser Verband hat zeitweise insgesamt 6500 Frauen beschäftigt. Viele unser als ABM geförderte Frauen sind in die Orte gegangen, haben Veranstaltungen und Treffs ins Leben gerufen. Für junge Frauen heute ist das alles relativ uninteressant. Leider ist es nicht mehr selbstverständlich, sich überhaupt zu organisieren.

Wann und wie wird frau denn Mitglied?
Jede Landfrau kann sich bei ihrem Ortsverband – und sollte es den nicht geben beim Kreisverband – melden. Die Mitgliedsbeiträge liegen bei 20 Euro im Jahr. Viele unserer Vereinsfrauen haben einen bäuerlichen Berufshintergrund. Landwirtin zu sein ist aber nicht zwingende Voraussetzung.

Funktioniert ihr Netzwerk in Zeiten von Smartphone und Computer immer noch traditionell?
Wir kommunizieren zunehmend auch über die neuen Medien, nutzen Facebook und Newsletter, bekommen gerade eine neue Homepage, um uns noch besser untereinander auszutauschen. Das mag für Ältere auch eine Hemmschwelle sein. Doch wir Frauen um die 50 bemerken schon erfreut, dass unsere kleine Community im Netz heranwächst. Neue technische Möglichkeiten erleichtern Austausch und gegenseitige Information enorm.

Stichwort Quotenreglung: Ist „Mehr Frauen in Führungspositionen!“ ein Thema für den Verband der Landfrauen?
In Ostdeutschland kann sich der Anteil der Frauen in leitenden Positionen in der Landwirtschaft sehen lassen. Speziell der Bereich Tierzucht gilt in vielen Betrieben als Frauendomäne. In anderen Bereichen der Wirtschaft und des öffentlichen Lebens ist dies noch nicht so. Als Verband befürworten wir eine Frauenquote.

Ist die aktuelle Wiederentdeckung des Landlebens nicht eine Woge, auf der sie gut mitschwimmen könnten?
Zum Teil. Aber oft ist das in den Zeitschriften doch ein Spiel mit Klischees. Na klar gehören auch schönen Seiten zum Landleben hinzu. Damit prahlen wir auch gern. So gibt es in diesem Jahr eine Aktion „Landfrauen öffnen ihre Gärten“, für die sich unsere Orts- und Kreisverbände Gärten oder Parks aussuchen um dort publikumswirksame Veranstaltung zu organisieren. Die Realität in Dörfern und Betrieben sieht anders aus, als im bunten Hochglanzdruck vorgezeigt.
Wir stehen als Landwirte im Wettbewerb, und der wird nicht nur deutschland- oder europaweit bestritten, der ist längst global. Wir müssen uns aus der Region heraus diesen weltweiten Märkten stellen. Da bleibt für solche Hochglanz-Fotos oft wenig Raum.
Sind die immer wieder neuen Lebensmittelskandale Thema der Landfrauen?
Die meisten Skandale haben im Futtermittelbereich ihren Anfang genommen. Landwirte hatten nicht primär damit zu tun. Vielleicht bekommen jetzt aber kleine Produzenten eine größere Chance, ihre selbst erzeugten und veredelten Lebensmittel regional abzusetzen. Die Kunden wollen ja zunehmend regionale Produkte kaufen. Aber wenn Sie Lebensmittel im bäuerlichen Betrieb verarbeiten wollen, sind hohe Hürden zu überwinden. Da muss entsprechend investiert werden. Sie brauchen verlässliche Partner für Vertrieb und Absatz.

Ist gesunde Ernährung nicht ein Bilderbuch-
Thema für Landfrauen?
Wir Deutschen haben die teuersten Küchen und kochen am wenigsten. Vielleicht auch am schlechtesten … Das ist schon paradox. Diese Tendenz stimmt uns in der Tat bedenklich. Ich zeige es meinen Kindern, auch der Verband engagiert sich hier. Wir bieten zum Beispiel einen Ernährungsführerschein, mit dem wir an Schulen gehen.

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