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Hinter der Ladentheke winkt der Hungerlohn

Viele Vollbeschäftigte in Neubrandenburg arbeiten für sehr wenig Geld.
Viele Vollbeschäftigte in Neubrandenburg arbeiten für sehr wenig Geld.

Es ist nur eine Szene am Rande, doch ihr Symbolgehalt ist riesig. Kaum zehn Meter von seinem Balkon entfernt, auf der anderen Straßenseite, steht das Auto von Frank Wolf. Akkurat geparkt, nicht einmal besonders schmutzig ist es. Der Wagen steht seit Dezember dort, unbewegt, weil die Zündung spinnt. „Er springt einfach nicht mehr an“, sagt Frank Wolf. Reparieren lassen aber konnte er ihn bisher nicht. Es fehlt das Geld. Und das, obwohl Frank Wolf fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag arbeiten geht. Doch es reicht trotzdem nicht. Seinen spärlichen Lohn – weniger als 800 Euro Netto im Monat – muss der Call-Center Agent vom Jobcenter aufstocken lassen.

Auch Sparsamkeit stößt an ihre Grenzen

Vom frühen Aufstehen bringt ihn das aber nicht ab: „Hauptsache ich kann arbeiten, das Geld war mir früher schon egal.“ Früher, damit meint der 47-Jährige die Jahre zwischen 1982 und 2004, als er in seinem Lehrberuf als Maurer zwar immer zu tun, meist aber auch wenig in der Tasche hatte. „Wir sind immer über die Runden gekommen, haben sparsam gelebt und das Geld zusammengehalten“, sagt der zweifache Familienvater. Vor acht Wochen sind er und seine Ehefrau Großeltern geworden. Für das private Glück ist gesorgt. Und dennoch bleibt das Unbehagen. Eine kaputte Waschmaschine, eine anstehende Autoreparatur – schon ist das knappe Budget gesprengt. „Dann wird der Monat einfach zu lang“, sagt Frank Wolf.

Mehr als der Fakt an sich ärgert den Neubrandenburger, wie in der Öffentlichkeit mit dem Thema Hartz IV umgegangen wird. „Da wird viel mit Vorurteilen gearbeitet“, sagt Frank Wolf. „Dabei sind wir doch nicht schlechter als die anderen.“ Die anderen – damit meint er all jene, die genauso arbeiten gehen wie er selbst, von ihrem Gehalt aber auch ohne Hartz IV leben können. Und Wolf geht noch weiter: „Der Satz, ,wenn du arbeiten willst, dann findest du auch welche‘, trifft doch schon lange nicht mehr zu.“ In Neubrandenburg gebe es nun mal nur den Call-Center Sektor, der überhaupt noch Stellen schaffe. Das liege auch daran, dass die Fluktuation hoch ist. „Länger als anderthalb Jahre habe ich es noch nirgendwo geschafft, dann war immer Schluss“, sagt Frank Wolf. Ans Weggehen habe er dennoch nie gedacht. „Wir bleiben hier, woanders ist es auch nicht besser.“ Lieber geht er weiter ins Call-Center. 40 Stunden die Woche, dazu alle halbe Jahre ins Jobcenter.

Ob sich Anne Böttcher das noch lange antun wird, scheint nicht sicher. Wie Frank Wolf auch arbeitet sie in Vollzeit und sogar darüber hinaus. „Jeden zweiten Samstag müssen wir 13 Stunden am Stück arbeiten“, erklärt die 23-Jährige offen. Arbeiten, das heißt für die ausgelernte Fachverkäuferin im Lebensmittelhandwerk nicht Telefonieren vom Schreibtisch aus, sondern hinter der Fleischertheke stehen. „Seit September 2012 mache ich das. Ich habe erstmal was, das ist doch schon mal gut“, sagt Anne Böttcher.

„Manche fragen mich, ob ich bescheuert bin“

Gar nicht gut dagegen ist die Bezahlung: Trotz mehr als 160 Stunden Arbeit im Monat reicht es nicht zum Leben. „Das ist schon scheiße“, bringt sie ihre Situation auf den Punkt. Schließlich gehe es vielen anderen, die nicht jeden Morgen wie sie um fünf Uhr aufstehen würden, deutlich besser. „Die fragen mich dann schon mal, ob ich bescheuert bin“, erzählt Anne Böttcher. „Bescheuert“ aber ist sie nicht, sie will einfach nur arbeiten: „Zu Hause sitzen ist nichts für mich, ich will was machen.“

Wenn sie dann dennoch zwischen Friseur oder Ausgehen entscheiden muss, frustriert das. So sehr, dass die in Malchin aufgewachsene und in der Region verwurzelte junge Frau einen Wegzug nicht ausschließen will. „Notfalls gehe ich eben da hin, wo der Job ist. Irgendwann will ich mir ja auch mal was leisten können.“ Die Statistik des Jobcenters wäre dadurch um eine Aufstockerin leichter, die Region Neubrandenburg würde einen weiteren jungen Menschen mit Perspektive verlieren.

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