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Immer wieder ein Haus für die Bildung

Blick um 1915 von der Post in die Poststraße  repro: H Beyermann
Blick um 1915 von der Post in die Poststraße repro: H Beyermann

VonHorst Beyermann

Der „Neue Markgrafenhof“ an der Poststraße in Neubrandenburg soll bebaut werden. Das hat den Neubrandenburger Historienkenner Horst Beyermann zu einigen Gedanken angeregt.

Neubrandenburg.Mit großem Interesse entnahm ich dem Bauvorhaben „Neuer Markgrafenhof“, dass die Firma „Baar Bau“ diesen auf historischem Terrain errichten will. Damit kann eine weitere Baulücke der Innenstadt geschlossen werden. Es ist kaum zu glauben, dass die Poststraße 4 einbezogen werden soll, denn bei diesem geschichtsträchtigen Haus war schon mal an Abriss gedacht worden. Das Bauvorhaben sollte Anlass für eine geschichtliche Betrachtung sein.
Während der Name Markgrafenstraße ab 1876 an den ursprünglichen markgräflichen Fürstenhof erinnert, gab die Straße „Wüster Kirchhof“ den Hinweis auf einen früheren Bestattungsort. Als das „Kaiserliche Postamt“ fertiggestellt war, benannte man diese 1905 in Poststraße um. Sie wurde seit 1875 durch die Bahnspedition Gütschow und ab 1877 auch durch die „Jüdische Synagoge“ geprägt. Schon viele Jahrzehnte vorher war hier auch ein Teil des Schulwesens zu Hause. Es reichte bis zu den Anfängen der Stadtgründung zurück, denn bereits 1376 wird ein Rektor Scholae genannt. Während sich die höheren Bildungseinrichtungen für besser gestellte Mädchen oder Jungen einst in der Badstüberstraße, An der Marienkirche bzw. in der Schulstraße befanden, gab es bereits vor 1810 für alle anderen Kinder die Möglichkeit zum Besuch der Armenschule „Wüster Kirchhof 4“.
Später war im Paragraf 30 der Armenordnung von 1832 festgeschrieben: „Es soll eine verbesserte Einrichtung der Armenschule vorgenommen werden, sowohl um dadurch auf Moralität und Sittlichkeit der Jugend einzuwirken, als auch die Zöglinge in angemessener Weise für das Leben vorzubereiten.“ Damals gab es im Schulhaus am Wüsten Kirchhof nicht nur je eine Klasse für Mädchen und Knaben, sondern im gleichen Haus hatte auch der angestellte Lehrer seine Wohnung. Ab 1834 wurde dann erstmalig durch die Regierung der „Schulzwang“ angeordnet. Die Ausstattung der Schule und die Bereitstellung von Unterrichtsmaterialien waren zu dieser Zeit mehr als dürftig. So befand sich an den beiden Fensterseiten jeweils nur ein Tisch für Schreibarbeiten und der übrige Raum war mit vielen kleinen Bänken ausgestattet. Eine Wandtafel gab es nicht und zum Buchstabieren und Lesen mussten die Kinder Gesangbücher, Bibeln oder sonstige Bücher mitbringen.
Im Laufe der Jahre bemühte sich der Magistrat darum, die Ausstattung zu verbessern. So bekamen die Klassenräume einheitliche Bänke, Wandfibel und Rechentafel wurden angeschafft. Ab 1844 führte man den Handarbeitsunterricht ein und ab 1846 standen für den Unterricht erstmalig eine Weltkarte und die Karten von Europa, Deutschland und Mecklenburg zur Verfügung. Für die Teilnahme am Unterricht war Schulgeld zu entrichten. Dieses betrug wöchentlich
einen Schilling, bei Teilnahme am Schreibunterricht sogar zwei Schillinge.
Rat Dr. Karl Wendt schrieb in seinem Buch „Geschichte der Vorderstadt Neubrandenburg“: „Für die Armenschule ergaben sich 300 Knaben und Mädchen, für jede Klasse und jeden Lehrer etwa 150, die aber nur selten alle zum Unterricht kamen.“ Weder finanzielle Mittel der Familien noch die räumlichen Voraussetzungen waren dafür damals gegeben. Das änderte sich auch ab 1870 in der Volksschule nicht grundlegend, obwohl nun durch Um- und Anbauten jeweils drei Klassen zur Verfügung standen. Die größeren Schülerinnen und Schüler hatten nun am Vormittag und die kleineren am Nachmittag Unterricht. Nachdem man das ehemalige alte ritterschaftliche Kriminalgefängnis zum Schulhaus umgebaut hatte, konnten ab 1881 jeweils vier Klassen für Knaben und Mädchen eingerichtet werden, ab 1882 waren es sogar fünf bzw. sechs Klassen. Trotz dieser Erweiterung und einer folgenden 1894 reichte der Standort in der Poststraße für die zu beschulenden Kinder nicht mehr aus. Es wurde ein Neubau vor dem Neuen Tor (heute Fritz-Reuter-Schule) in Angriff genommen.
Im Herbst 1895 erfolgte unter Leitung des Rektors Karl Wendt der Umzug von der Poststraße 4 in das neue Haus, Friedländer Chaussee 6 (Katharinenstraße). Im Jahre 1902 wurde diese Schule in Bürgerschule umbenannt. Das ehemalige Haus in der Poststraße nutzte nach dem Auszug der Volksschule die „Höhere Töchterschule“, unter Leitung des Rektors Lenz.
Im Adressbuch von 1927/28 wird die Poststraße 4 noch als „Städtisches Eigentum“ ausgewiesen und Bürgerschule genannt. Danach erfolgte die Aufgabe als Schulgebäude und das Arbeitsamt zog ein. Diese Aussage gab es auch noch im Adressbuch von 1939/40. Danach nutzte man das Gebäude für unterschiedlichste Zwecke, doch ab 1952 erteilte man in der damaligen Post-Schule wieder Unterricht, dieses Mal als achtklassige Grundschule. Mit der Einführung der „Polytechnischen Oberschulen“ in der DDR wurde dann aus der Post-Schule die Oberschule V, deren Schulhort sich in der Fritz-Reuter-Straße 7 befand. Mit der Fertigstellung des Schulneubaus in der Krämerstraße wurde daraus am 1.September 1965 die neue Oberschule V, die den Namen „Antonin Zápotocky“ bekam.
Danach bezogen die Musikschule und die Volkshochschule das Gebäude in der Poststraße. Während die Musikschule später den Standort Friedrich-Engels-Ring 40 gewählt hatte und dann in die Ziegelbergstraße zog, befand sich die Volkshochschule noch 1993 dort. Deren Umzug in den Bienenweg 1 erfolgte erst nach der Sanierung und Rekonstruktion der 1936 errichteten Gewerbeschule. Wenig später wurde das Haus in der Poststraße vom Regionalmuseum bezogen, da die Villa Friedrich-Engels-Ring 7 auf Grund von Rückübertragungsansprüchen aufgegeben werden musste. Als 2010 die Sanierung des Treptower Tores begann und das Richtfest erfolgte, sollte es nicht mehr lange dauern, bis der Umzug des Museums dorthin erfolgen konnte. Seitdem wartet eines der ältesten Schulgebäude auf eine neue Nutzung.

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