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Krieg artet zur skurrilen Ballermann-Party aus

Stillgestanden für ein Foto im Schützengraben: Frau Tepan (Karin Hartmann) und Zapo (Michael Goralczyk). [KT_CREDIT] FOTO: Jörg Metzner
Stillgestanden für ein Foto im Schützengraben: Frau Tepan (Karin Hartmann) und Zapo (Michael Goralczyk). [KT_CREDIT] FOTO: Jörg Metzner

VonMarcel Auermann

Das Anti-Kriegs-Stück „Picknick im Felde“ am Schauspielhaus Neubrandenburg ist so herrlich abgefahren und grotesk, dass man es gesehen haben muss.

Neubrandenburg.Ziemlich lädiert, kaputt und ungleichförmig ziehen die Hauptdarsteller ein. Sie haben mächtig gelitten im Krieg. Genauso wie Zapo, Herr und Frau Tepan, Zepo und die beiden Sanitäter auf die Bühne schlurfen und dabei ein Bein hinterherziehen und kaum vom Fleck kommen, wirkt Maurice Ravels Boléro im Hintergrund. Selten hört man flattrigere, krächzendere Versionen des eigentlich vorwärts treibenden Stücks. Aber diese Menschen erwarten nicht mehr viel vom Leben. Die Kämpfe, Bomben und Luftangriffe machten aus ihnen Wracks. Längst verloren sie den Lebensmut.
Möglicherweise blieb Autor Fernando Arrabal gar nichts anderes übrig, als „Picknick im Felde“, das am Samstagabend im Schauspielhaus Neubrandenburg Premiere feierte, eben nicht als depressives Drama zu konzipieren. Um die düstere Anfangsstimmung nicht noch mehr überhand nehmen zu lassen, musste er eine Anti-Kriegs-Parabel schaffen, die so herrlich grotesk wirkt, dass sich kein noch so steifer Zuschauer das Lachen verkneifen kann.

Spießiges Familienleben
im Schützengraben
Frontsoldat Zapo (Michael Goralczyk als heulsusiger Sohn) erhält überraschend Besuch von seinen Eltern (Karin Hartmann und Thomas Pötzsch), die ihn zu einem Picknick im Felde einladen. Doch was für ihn das Schlachtfeld ist, scheint für Mutter und Vater nur eine Idylle im Grünen zu sein. Die Eltern zelebrieren das Familienidyll, das jedem im Publikum den Spiegel der Spießigkeit vorhält.
Dabei spielen all die typischen Plattitüden und Aussagen eine Rolle, die ein Sohn gerne vermeiden möchte und ihm hochnotpeinlich sind. „Mensch, bist Du aber groß geworden!“ „Komm, gib Mama und Papa ein Küsschen.“ „Lass Dich umarmen!“ Um die Stimmung künstlich aufzulockern, legt Mutti eine Schallplatte mit Tanzmusik auf, schießt Erinnerungsfotos, packt Wurstbrote und hart gekochte Eier aus. Es gibt Tomatensalat – und, ja, auch dieser Witz wird natürlich nicht ausgelassen: Herr und Frau Tepan stimmen den Tomatensalatomatensalatomatensalat-Song an. Hach, wie schön verrückt die Welt an der Front doch sein kann!
Plötzlich erscheint der feindliche Soldat Zepo (dauerschrillsprechend: Arno Sudermann), Zapos perfektes Ebenbild. Nicht nur namentlich unterscheiden sie sich lediglich durch einen Buchstaben. Auch sonst sind sie bis auf die Farbe der Uniform ziemlich ähnlich. Zuerst wird Zepo festgenommen, dann wieder freigelassen, damit auch er – was sonst – bequem mitpicknicken kann. Immer mehr Gemeinsamkeiten zwischen Zapo und Zepo kommen zum Vorschein, und so beschließen sie – als ob das so einfach ginge –, den sinnlosen Krieg aus eigener Initiative zu beenden.
Diese Situationen packt Regisseur Frank Voigtmann in solch abstruse Szenen, dass der Zuschauer dann und wann versucht ist, sich vor Lachen auf den Schenkel zu klopfen – trotz des ernsten Hintergrunds. Frau Tepan holt etwa für die lauschige Atmosphäre im Schützengraben die luxuriösen Plexiglasstühle aus der Tasche – einen nach dem anderen. Da wundert man sich, wo die alle versteckt waren. Oder wo holt sie den Flachbildschirm her? Zu guter Letzt kramt sie auch noch eine große Palme aus dem kleinen Täschchen.
Als dann noch „Like Ice In The Sunshine“ von Beagle Music erklingt, gleicht das Schlachtfeld eher einer ausgelassenen Ballermann-Party. Passend dazu legen sich die Drei auf ihre Stühle, cremen sich mit Sonnenschutzmittel ein und kämpfen statt gegen den Feind gegen die surrenden, lästigen Fliegen. Einfach herrlich absurd.

Karin Hartmann als wundervoll schrullige Mutter
Diese Welt ist so verkehrt und abgedreht wie sie nur in den kühnsten Träumen aussieht. Und einen großen Anteil daran hat die fabelhafte Karin Hartmann als Mutter Tepan. Sie spielt so herrlich tüttelig, so überzeugend durchgeknallt, so liebevoll verquer, so schrullig.
Wenn sie auf dem Campinggaskocher Würstchen heiß macht und mit der Teflonpfanne durchs Publikum wandelt, um die Knacker zu verteilen, oder sie spontan wie im Kino längst vergangener Tage die Eismänner auf ’ne Runde Eiskonfekt reinlässt, dann überstrahlt sie das Ensemble.
So unpassend das alles wirkt, bringt sie das Menschelnde in diese kalte Kriegswelt. Ohne sie wäre „Picknick im Felde“ nur halb so gut.

Kontakt zum Autor
m.auermann@nordkurier.de

Weitere Vorstellungen: 22. und
27. April sowie am 11. Mai jeweils um 19.30 Uhr im Schauspielhaus
Neubrandenburg.

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