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Mit Humor und Handicap

Wohin mit den Handschellen? Martin Fromme darf als Betroffener das Thema Behinderung auf die Schippe nehmen  FOTO: Timm Ortmueller/PR
Wohin mit den Handschellen? Martin Fromme darf als Betroffener das Thema Behinderung auf die Schippe nehmen FOTO: Timm Ortmueller/PR

Martin Fromme macht Witze über Behinderte und hat jetzt auch ein Buch darüber geschrieben. Der Comedian (Jahrgang 1962) ist selbst behindert. Heute kommt er nach Neubrandenburg und liest aus „Besser Arm ab als arm dran“. Über Behinderung und Comedy sprach Josephine Templer mit ihm.

Darf man über Behinderte Witze machen?
Ja, ich darf das natürlich sowieso, weil ich nun mal behindert bin. Bei einem Behindertenwitz kommt es auf die Qualität an, der muss halt qualitativ gut sein und darf nicht verletzen. Da muss jeder sehen, wo seine humoristische Grenze ist.

Trauen sich die Leute überhaupt, über so etwas zu lachen?
Natürlich trauen sie sich. Ich bin ja ein Behinderter, der dazu die Erlaubnis gibt und sagt: „Ihr dürft lachen!“. Normalerweise mache ich gar keine Shows, die sich thematisch mit Behinderung auseinandersetzen. Bei der Lesung ist das jetzt ganz anders, da dreht sich nun alles um die Thematik Behinderung.

Wo liegt für Sie die Grenze zwischen lustig und ernsthaft?
Die ist, glaube ich, bei dem Thema, wie es sich ergibt. Es ist ein sehr, sehr lustiges Buch, aber es hat natürlich einen ernsten Hintergrund. Es sind Themen wie Präimplantationsdiagnostik oder Contergan, die in den ernsteren Bereich reingehen, aber trotzdem humoristisch behandelt werden.

Was wäre denn der politisch korrekte Begriff für Menschen mit Behinderung?
Das kann sich jeder eigentlich selbst aussuchen. Ich bin da nicht festgelegt auf „Menschen mit Behinderung“ oder „Menschen mit Beeinträchtigung“. Für mich reicht es auch wenn man „Behinderter“ sagt. Es kommt darauf an, dass man respektvoll miteinander umgeht. Und dann kann man mich auch gerne Behinderter nennen, natürlich nicht Spacko oder Krüppel. Das Wort „behindert“ hat in der heutigen Gesellschaft mittlerweile auch schon eine ganz andere Bedeutung. Heute ist ja im jugendlichen Sprachgebrauch viel „behindert“ und das hat mit dieser Sache nichts zu tun.

Wie kamen Sie überhaupt zur Comedy?
Ich habe mit ein paar Kollegen was gemacht und die hatten dann aber keine Lust, auf die Bühne zu gehen. Dann sind ich und mein anderer Kollege übrig geblieben. Seit 1986 bis heute machen wir nun schon unsere Duo-Comedy-Show.

War Ihr fehlender Arm dabei eher Hindernis oder Vorteil?
Weder noch. Bei den visuellen Medien ist es natürlich eher ein Hindernis. In diesem Bereich herrscht eine sehr große Angst: „Darf ich das sehen?“ In anderen Bereichen gibt es dieses Hindernis eigentlich gar nicht.
Kann man mit Comedy etwas bewegen?
Das ist der Faktor Nummer eins, besonders im Behindertenbereich. Ich erlaube ja den Leuten, ganz locker zu sein. Miteinander übt man das Lachen über die einzelnen Ressentiments, die natürlich jeder hat. Ich mache mich da über die Eigenarten von Nicht-Behinderten lustig: Wie geht man mit Behinderten um? Darf ich die berühren?

Als Comedian sind Sie auch im Fernsehen aktiv. Warum sehen wir dort so wenig Menschen mit Behinderung?
Weil die Medien das nicht wollen. In den visuellen Medien ist kein Verlangen danach, sich mit Menschen mit Behinderung auseinanderzusetzen. Wir sind 7,3 Millionen in Deutschland. Ein Behinderter muss ja nicht gleich eine Hauptrolle spielen, aber der muss auch einfach mal durchs Bild rollen oder gehen dürfen. Aber man sieht sowas ja nie. Behinderte werden nicht visualisiert. Das fängt schon damit an, dass Behinderte morgens abgeholt und nachmittags wieder zurückgebracht werden und deshalb nimmt man sie auch gesellschaftlich nicht wahr.

Seit über 25 Jahren stehen Sie auf der Bühne. Konnten sie in dieser Zeit im Publikum eine veränderte Haltung zum Thema Behinderung beobachten?
Eigentlich nicht. Das Publikum ist der Sache gegenüber sehr offen und will immer mehr. Bisher gebe ich relativ wenig aus dem Bereich Behinderung preis, das wird sich mit der Lesung komplett ändern.

Wie sind Sie aufgewachsen?
Ganz normal, wie jeder andere auch. Normaler als ich kann man nicht aufwachsen, Normaler Kindergarten, normale Schule, normales Gymnasium, normale Freunde. Von daher gibt es keinen Unterschied zu irgendwelchen anderen Menschen.

Hatten Sie jemals in Ihrem Leben Probleme mit Ihrer Behinderung?
Niemals, zu keinem Zeitpunkt. Das kommt natürlich auch auf den Menschen an. Ich bin halt ein sehr offensiver Mensch, ein sehr optimistischer Mensch.

Wo sehen Sie das Hauptproblem zwischen Behinderten und Nicht-Behinderten?
In der fehlenden Kommunikation und in der fehlenden Darstellung durch die Medien. Da sind die Medien in einer Art Bringepflicht, damit da irgendwas passiert in diesem Bereich.

Ihr Buch enthält viele Tipps zum Umgang mit Behinderten, die nicht ganz ernst gemeint sind. Wie kann dieses Buch trotzdem helfen?
Indem man das Thema einfach in der Öffentlichkeit zulässt, mit einer anderen Farbe, der Farbe „Humor“. Wenn man das nicht mehr so ernst nimmt, dann kann Nähe entstehen. Das Buch soll einen emotional lockeren Umgang mit dem Thema ermöglichen.

Was sollen die Zuschauer von Ihrer Lesung mitnehmen?
Das Buch natürlich (lacht). Jeder soll für sich etwas mitnehmen, einfach im Bereich Humor. In diesem Bereich bin ich ja der einzige professionelle, körperbehinderte Komiker. Wer das Programm sieht, der wird danach ganz anders mit dem Thema Behinderung umgehen.

Martin Fromme liest heute um 19.30 Uhr in der Thalia-
Buchhandlung aus seinem Buch „Besser Arm ab als arm dran“. Karten sind noch erhältlich: 0395 3631510

Kontakt zur Autorin
red-neubrandenburg@nordkurier.de

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