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Nach den Todesschüssen ein Foto vom Opfer

Nach einer Gedenkveranstaltung für Mehmet Turgut liegen in Rostock Blumen vor einer improvisierten Gedenktafel.  FOTO: Bernd Wüstneck
Nach einer Gedenkveranstaltung für Mehmet Turgut liegen in Rostock Blumen vor einer improvisierten Gedenktafel. FOTO: Bernd Wüstneck

Er war ihr sechstes Mordopfer– Mehmet Turgut, der eigentlich nur in einem Imbiss in Rostock aushalf. Am Morgen des 25. Februar 2004 erschoss ihn die Terrorzelle „National-
sozialistischer Hintergrund“ aus nächster Nähe. Erstmals äußert sich der Anwalt der Familie Mehmet Turguts jetzt in einem Interview. Mit Detlef Kolloge sprach Uwe Reißenweber.

Wen vertreten Sie?
Ich vertrete die Eltern und einen Bruder. Die gesamte Familie lebt nicht in Deutschland, sondern in der Türkei.

Mehmet Turgut ist wohl das Opfer, das am unbekanntesten ist. Er war zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort – als einmalige Aushilfe in einem Imbiss. Was können Sie uns über den Menschen Mehmet Turgut erzählen?
Ich habe ihn ja nie kennengelernt. Er war ein Mensch, der aus seiner Heimat weggegangen ist, um unter schwierigen Bedingungen durch Aushilfstätigkeiten seine Familie zu unterstützen. Die Familie, die den Imbiss in Rostock betrieb, kam aus demselben kleinen türkischen Ort wie seine. Sie hatte Mehmet Turgut gebeten, auszuhelfen. Wenn man unterstellt, dass es der Plan gewesen ist, türkische Unternehmer oder Selbstständige zu töten, dann war Mehmet Turgut, so makaber das klingt, ein Unglücksfall. Es ist auch ein Hinweis darauf, dass es keinen Stützpunkt vor Ort gegeben hat, der Recherchen für den NSU betrieben hat.

Was ist am Mord-Morgen 2004 in Rostock konkret vorgegangen?
Die Täter sind wohl mit dem Wohnmobil nach Rostock gefahren und haben es an einem Ort in einer Entfernung abgestellt, die sie mit dem Fahrrad bewältigen konnten – vielleicht an einem Supermarkt in einem Plattenbaugebiet zwischen Rostock und Warnemünde. Das machen viele Leute, das fällt nicht auf. Im Imbiss haben die Täter dann auf Mehmet Turgut geschossen und ein Foto vom Opfer gemacht. Die Tat ereignete sich zwischen 10 Uhr und 10.20 Uhr, insgesamt wurden vier Schüsse abgegeben, von denen einer nicht traf. Ich glaube nicht, dass Mehmet Turgut noch erlebt hat, was nach den Schüssen mit ihm passierte, obwohl er klinisch noch lebte. Teilweise wurden die Schüsse auf ihn abgegeben, als er schon lag.
Todesursache war die Zertrümmerung des Gehirnzentrums. Ein Schuss traf den hinteren rechten Schläfenbereich, einer die andere Schläfe, beim dritten handelte es sich um einen Nacken- und Halsdurchschuss.

Was erwarten Sie für Ihre Mandanten vom Prozess?
Die größtmögliche Aufklärung darüber, wer an den Taten in welcher Weise beteiligt war. Und, wenn das überhaupt möglich ist, Aufklärung darüber, warum bei der Mordserie nicht nach der Terrorzelle gefahndet wurde, obwohl schon viele Jahre hätte nach ihr gefahndet werden sollen.
Haben Sie Erkenntnisse, dass der NSU Kontakte nach Mecklenburg-Vorpommern hatte?
Nein, ich habe keine. Es gab wohl einen sehr weit entfernten verwandtschaftlichen Kontakt, der aber inaktiv war. Die Täter sind wohl einfach herumgefahren mit Augenmerk darauf, wie sie am besten mit dem Fahrrad den Tatort erreichen können.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Sicherheitsbehörden in MV mit Blick auf den Mord in Rostock?
Es gab dort sehr, sehr viel mühsame Arbeit, die über das Maß an anderen Stellen in Deutschland hinausging. Dass in MV niemanden aufgefallen ist, dass die Tat der rechtsradikalen organisierten Kriminalität zuzuorden sein könnte, ist ein Problem, das andere auch hatten. Es gab aber rechtsradikale Organisationen, die sich im Internet zu ähnlichen Fällen bekannten, um Angst und Schrecken hervorzurufen. Der Verfassungsschutz hätte vielleicht einfach mal lesen sollen, was die im Internet veröffentlichen, anstatt viel Geld für Spitzel in der Szene auszugeben.

Der Prozess ist nach vielen Anlaufschwierigkeiten schon nach dem ersten Tag bis kommende Woche unterbrochen, unter anderem weil durch die Verteidigung der Angeklagten Befangenheitsanträge gestellt wurden, weil zwar die Anwälte vor der Verhandlung durchsucht werden sollen, nicht aber die Richter, Polizisten und Staatsanwälte. Wie beurteilen Sie das?
Ich finde, das hätte vermieden werden können. Solche Befangenheitsanträge werden seit 30 Jahren immer wieder gestellt, das Gericht hätte darauf vorbereitet sein müssen. Ich halte diese Durchsuchungspraxis übrigens auch für falsch.
Wird ein solcher Antrag gestellt, muss der Richter eine dienstliche Erklärung dazu abgeben. Ein erfahrener Richter kann das innerhalb einer Stunde. Dann muss die Erklärung den Verteidigern zur Verfügung gestellt werden, die in diesem Fall ja alle da waren. Die wiederum müssen dann eine Erklärung abgeben, was auch innerhalb eines Tages zu schaffen ist. Schließlich entscheidet ein anderes Richterkollegium über den Befangenheitsantrag. All das hätte nach dem Prozessauftakt am Montag bis zum Dienstag erledigt werden können.

Kontakt zum Autor
u.reissenweber@nordkurier.de

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