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Nach langer Zeit in der alten Heimat

Über 50 ehemalige Zwiedorfer Schüler kamen am Dienstag zusammen.  FOTOs (2): Susann Moll
Über 50 ehemalige Zwiedorfer Schüler kamen am Dienstag zusammen. FOTOs (2): Susann Moll

VonSusann Moll

Eine Frau nimmt eine weite Reise von über 700 Kilometern auf sich, um ihre alte Heimat und längst vergessene Schulkameraden wiederzusehen.

Wolde.Seit mehr als 60 Jahren war Elly Wiemann nicht mehr in Wolde. Von ihren alten Schulkameraden erkennt sie auf Anhieb niemanden. Nur mit ihrer alten Freundin Karin Ossenschmidt ist es irgendwie ein besonderes Gefühl. Obwohl die beiden nur als Kinder zusammen waren und sich dann nie wieder gesehen haben, finden sie in den Augen des Anderen etwas Vertrautes. Beim vierten Treffen der ehemaligen Zwiedorfer Schüler nutzen die Beiden die Gelegenheit, alte Zeiten aufleben zu lassen.
Als sie vier oder fünf Jahre alt war, kam Elly Wiemann, geborene Pohl, in die Region. Mit ihrer Mutter, ihrer Tante und ihren zwei Brüdern musste sie aus ihrer Heimat Danzig flüchten. Ein Zuhause fanden sie damals auf dem Hof des Gutshauses in Wolde. Im Gebäude rechts neben dem Gutshaus, in dem heute die Kita „Bambi“ ist, wohnten sie zu fünft in einem Zimmer. Ihr Vater sei damals in russischer Gefangenschaft gewesen, so Elly Wiemann.
Auch wenn es nicht sonderlich komfortabel war, sei es doch eine schöne Zeit in Wolde gewesen, sagt die heute 74-Jährige. Da auf dem Hof viele Flüchtlingsfamilien untergekommen waren, sei dort immer etwas los gewesen. Das zog auch die Kinder aus dem Dorf an, die regelmäßig zum Spielen kamen. So lernte Elly Wiemann auch Karin Ossenschmidt kennen, die damals in Wolde wohnte.
Als sie sechs Jahre alt waren, wurden die beiden Freundinnen zusammen in Zwiedorf eingeschult. Das schönste sei immer der Weg zur Schule gewesen, berichtet Elly Wiemann. Damals mussten sie die zwei Kilometer zu Fuß gehen. Wenn sie dazu allerdings keine Lust hatten, sprangen sie einfach auf den vorbeifahrenden Milchwagen und ließen sich kutschieren. Oder sie kürzten den Weg ab und marschierten gemeinsam durchs Kornfeld. „Da das Gut aber auf einem Berg liegt, haben unsere Eltern uns schon von Weitem gesehen“, erinnert sich Elly Wiemann. „Dann gab es Ärger zu Hause.“ Im Sommer seien sie zudem gerne in dem kleinen Tümpel, der auf dem Schulweg lag, baden gegangen.
Nach der vierten Klasse verließ Elly Wiemann jedoch Wolde. Als ihr Vater aus der Gefangenschaft entlassen wurde, zog die Familie nach Minden in Westfalen. „Das war damals vom Roten Kreuz organisiert und nannte sich Familienzusammenführung“, erklärt die Rentnerin. Nach einiger Zeit bekam ihr Vater dann eine Arbeit in Dortmund und sie zogen noch einmal um. Dort im Westen sei die Schule ganz anders gewesen. Die Schüler waren schon in Klassen eingeteilt und bekamen nicht alle gemeinsam Unterricht wie in Zwiedorf. Später wurden sogar die Jungen und Mädchen getrennt. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Hauswirtschafterin. Nach ihrer Hochzeit 1960 kümmerte sie sich dann in ihrer neuen Heimat Witten an der Ruhr um Haus und Kinder.
Ihre Tochter begleitet sie jetzt nach Wolde. Die 41-Jährige Susann Wupper hat noch nie den Ort gesehen, an dem ihre Mutter ihre Kindheit verbracht hat. „Ich kannte Wolde nur aus Erzählungen und finde es toll, das alles auch mal selbst zu sehen“, sagt sie. Der Ausflug in die alte Heimat ist ihr Weihnachtsgeschenk. „Ich hatte einen Brief von der Karin bekommen und habe von dem Schülertreffen hier erzählt“, berichtet Elly Wiemann. Da habe ihr Schwiegersohn gesagt: „Wir schenken dir die Reise dorthin.“ So bekam die 74-Jährige noch einmal die Gelegenheit zu sehen, was aus ihrem alten Zuhause geworden ist. Und auch alte Freunde wie Karin Ossenschmidt konnte Elly Wiemann nach vielen Jahren wieder in die Arme schließen.

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