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Schwere Erinnerung an bittere Jahre

VonIngmar Nehls

Vor 65 Jahren wurde das Lager Fünfeichen geschlossen. Der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen ist es zu verdanken, dass die Geschichte an diesem Ort erlebbar ist. Das Wochenende stand wieder im Zeichen des Gedenkens an die Opfer.

Neubrandenburg.Vögel zwitschern. Der Waldboden ist übersät mit blühenden Anemonen. „Die Natur deckt liebevoll zu, aber in den Herzen der Menschen darf es niemals zu einem Vergessen kommen. Vergeben ja, vergessen nie“, mahnt Dr. Rita Lüdtke von der Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen. Vor 65 Jahren wurde das Lager Fünfeichen geschlossen. Über die Reste und Trümmer ist Gras gewachsen. In 22 Jahren hat die Arbeitsgemeinschaft Fünfeichen mit viel Engagement eine niveauvolle Gedenkstätte geschaffen.
Am Wochenende sind wieder ehemalige Häftlinge, Angehörige und interessierte Bürger nach Fünfeichen gekommen, sogar vom Bodensee. „Ich weiß, dass es eine große Erleichterung für die Hinterbliebenen ist, einen Ort zu haben, an dem man trauern kann, den man schmücken darf“, sagt Rita Lüdtke.
Einer, der den blühenden Wald anders erlebt hat, ist Hans Kopmann. Dem 84-Jährigen fällt es nicht leicht, sich an den einstigen Ort der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, der Entwürdigung und des Leidens zu erinnern. Kopmann kam im Herbst 1945 in das Nordlager und musste dort drei Jahre verbringen, die bittersten seines Lebens, wie er erzählt. 600 Gramm Brot, ein Liter Wassersuppe, Dreiviertel Liter Graupensuppe, das war die tägliche Essensration.
„So wurden wir immer mehr entmündigt, aller menschlichen ethischen Werte beraubt und psychologisch demoralisiert“, schildert Kopmann. Als 14-Jähriger wurde er von der Schulbank weg in die HJ-Uniform gesteckt, um als Kindersoldat für das Verbrecherregime geopfert zu werden. Vor Fünfeichen kam er für drei Monate in das Zuchthaus in Alt-Strelitz. „Wir mussten die Rache und Vergeltung jener Menschen ertragen, die jahrelang zuvor unmenschliches faschistisches Unrecht ertragen hatten“, so Kopmann.
Was er in Fünfeichen ertragen musste, sollte er nicht erzählen, lautete der deutliche Hinweis der russischen Offiziere bei der Entlassung im Herbst 1948. Ansonsten drohte die Verbannung nach Sibirien. „Deshalb gilt mein aufrichtiger Dank all jenen, die mithalfen, der Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen und mit dieser würdevollen Mahn- und Gedenkstätte einen Fokus des Gedenkens, des Mahnens, aber auch der friedliechen Hoffnung zu schaffen“, bedankt sich Hans Kopmann.
Auch Ministerpräsident Erwin Sellering bedankt sich für das unermüdliche Engagement bei der Arbeitsgemeinschaft und auch bei der Stadt Neubrandenburg. Der Kern der weiteren Arbeit müsse besonders darin liegen, jungen Menschen die Geschichte zu vermitteln, fordert er. „Einige Stimmen sind verstummt, aber das Gedenken wird weitergetragen“, sagt Sellering.

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i.nehls@nordkurier.de

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