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Sprache als Brücke zum Alltag

Gunnar Engelhard bringt ausländischen Ärzten die deutsche Sprache näher.  FOTO: Dominique Cirstea
Gunnar Engelhard bringt ausländischen Ärzten die deutsche Sprache näher. FOTO: Dominique Cirstea

VonDominique Cirstea

Seit über einem Jahr unter- richtet Gunnar Engelhard Deutsch für ausländische Ärzte. Auch Patienten soll- ten den Doktor korrigieren, wenn er einen Fehler macht.

Neubrandenburg.Gunnar Engelhard blättert in seinen Unterlagen. Er schlägt ein Buch auf, einen Hefter, hebt den Kuli und senkt ihn auf das Papier. Auf dem Tisch vor ihm liegen Bücher wie etwa „Deutsch für Mediziner“. Seit vierzehn Monaten unterrichtet Engelhard zwei Mal wöchentlich ausländische Ärzte im Bonhoeffer-Klinikum in Neubrandenburg. „Ich bin aufgrund meiner Krankheit Multiple Sklerose oft dort. Vor meiner Zeit als Sozialarbeiter war ich Deutschlehrer. Wenn ich im Krankenhaus mit ausländischen Ärzten zu tunhatte, musste ich sie immer berichtigen, wenn sie beispielsweise einen grammatikalischen Fehler machten. Ist so eine Angewohnheit…“, erzählt Engelhard und lacht. So entstand die Idee, Ärzten kostenlosen Deutschunterricht zu geben.
Derzeit besuchen etwa neun Ärzte regelmäßig den Unterricht, andere würden gern kommen, könnten aber aufgrund ihrer Arbeitszeiten nicht. „Ich bewundere diese Menschen. Dass sie nach ihrer Arbeit, nach mehreren Stunden im OP noch für zwei Stunden zum Unterricht kommen. Das ist eine beachtenswerte Leistung.“
Diese werde aber nicht von allen angesehen.„Wenn jemand behauptet, diese Ärzte seien eine Gefahr für Patienten, macht mich das wütend“, erzählt Engelhard. Ebenso komme es vor, dass Ärzte von Patienten beleidigt werden. „Mich erschreckt immer wieder, mit welcher Respektlosigkeit einige Patienten ausländischen Ärzten gegenübertreten. Diese verstehen viele Ausdrücke nicht, deswegen lernen wir nicht nur die gehobene deutsche Sprache, sondern auch die Jugendsprache, die Sprache der Kinder und Rentner, teilweise auch Plattdeutsch. Es gibt kaum eine Sprache mit so vielen Dialekten wie die deutsche“, sagt Engelhard.
Die Ärzte im Klinikum kommen aus aller Welt: Armenien, Polen, Moldawien, Ungarn, Russland. Auf jeden einzelnen einzugehen bedeute, reichlich Geduld zu haben. Dennoch werde immer viel gelacht, wenn Engelhard beispielsweise das Wort ,beugen‘ pantomimisch vormacht. „Vor dem Unterricht frage ich, wie es ihnen geht. Es ist wichtig, dass sie die Möglichkeit bekommen, sich ihre Sorgen und Nöte von der Seele zu reden. Viele kommen nach Deutschland, weil wir hier einen hohen medizinischen Standard haben, gute Bildung, und natürlich spielen auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Man darf jedoch nicht vergessen, dass sie Familie und Freunde im Heimatland zurücklassen und hier allein sind.“
Trotz der Schwierigkeiten seien vor allem diese Ärzte von unbeschreiblichem Enthusiasmus gepackt. Doch warum gehen junge Ärzte überhaupt nach Deutschland, wenn sie beispielsweise im skandinavischen Raum mehr Geld verdienen? „Zu behaupten, dass ein Arzt in Deutschland bereits genug verdiene, ist genauso anmaßend, wie ihn in seiner Fachlichkeit zu bewerten. Einige bilden sich zu schnell ein Urteil. Geht von 1000 Operationen eine schief, ist man sofort der schlechteste Arzt der Welt. An diesem Beruf hängen Menschenleben. Das kann man nicht mit Geld aufwiegen.“
Als Patientwolle man freundlich behandelt werden und sofort wissen, was einem fehlt. Jeder andere Berufstätige könne sich in bestimmten Situationen zurückziehen. Ein Arzt nicht. „Könnten wir immer freundlich sein oder Patienten und Angehörigen den Tod beibringen?“, fragt Engelhard und schüttelt leicht den Kopf. „Man muss Gefühle deuten und ausdrücken, um Patienten die Angst zu nehmen. Das kann man nur, wenn man die gleiche Sprache spricht. Sprache kommt aber nur vom Sprechen. Daher ist es so wichtig, dass ausländische Ärzte integriert werden. Dass sie korrigiert werden, wenn sie einen Fehler machen. Das ist keine Arroganz – das ist Hilfe. Die benötigen sie von uns.“

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