Vor lauter Hunger sogar den Wachhund verspeist

Leonard Joy Martin (l.) reiste mit seinem Freund und Nachbarn Peter Sitt (r.) nach Deutschland. Nachdem sie in Bad Fallingbostel waren, besuchten sie die Gedenkstätte in Neubrandenburg Fünfeichen und das Schützenhaus in Teterow, in dem Leonard Joy Martin auch untergebracht war. Peter Sitt möchte die Geschichte seines Freundes in einem Buch festhalten.  FOTO: S. Moll
Leonard Joy Martin (l.) reiste mit seinem Freund und Nachbarn Peter Sitt (r.) nach Deutschland. Nachdem sie in Bad Fallingbostel waren, besuchten sie die Gedenkstätte in Neubrandenburg Fünfeichen und das Schützenhaus in Teterow, in dem Leonard Joy Martin auch untergebracht war. Peter Sitt möchte die Geschichte seines Freundes in einem Buch festhalten. FOTO: S. Moll

VonSusann Moll

Ein US-Amerikaner kommt
fast 70 Jahre nach dem
Zweiten Weltkrieg nach
Fünfeichen, um jenen Ort wiederzusehen, an dem er einst gefangen gehalten wurde. Wir haben ihn dort getroffen und mit ihm über seine Zeit im Kriegsgefangenenlager gesprochen.

Neubrandenburg.Friedlich blickt sich Leonard Joy Martin an der Gedenkstätte Fünfeichen um. Das Gehen fällt dem 88-Jährigen schwer, deshalb hat er sich für den Rundgang in den Rollstuhl gesetzt. Wenn er kann, geht er aber lieber zu Fuß, gestützt auf seinen hölzernen Gehstock. Auf diesem Stock ist sein Name eingeritzt.
Dahinter steht „10/31/1944 – 04/13/1945“. Eine Zeit, die ihn als Menschen geprägt hat, denn diese sechs Monate befand sich der US-Amerikaner in Kriegsgefangenschaft der deutschen Wehrmacht. In dieser Woche besuchte er erstmals seit seiner Befreiung wieder Fünfeichen, wo er den Großteil seiner Gefangenschaft verbrachte.
Wenn er über die Zeit damals spricht, hat er stets ein Lächeln auf dem Gesicht. Am liebsten erzählt er von den Geschäften, die er damals mit den Wachen gemacht hat. Die deutschen Zigaretten hatten damals viel weniger Tabak als die amerikanischen, berichtet er. So habe er als Nichtraucher die amerikanischen Zigaretten aus den Hilfspaketen gegen alles mögliche eingetauscht. Oft wollte er einfach nur etwas zu essen dafür, denn das war knapp für die Gefangenen. So mussten sich zum Ende des Krieges sogar elf Leute ein Kilogramm Brot und ein kleines Stück Wurst teilen.
Den Amerikanern sei es aber noch relativ gut gegangen, sagt Leonard Joy Martin. Er erinnere sich an eine Situation im russischen Gefangenenlager. Als dort wieder einmal Streitereien um das knappe Essen aufgekommen waren, schickten die Wachen einen Schäferhund in das Lager, um der Situation Herr zu werden. Der Hund kam allerdings nie wieder heraus. Die russischen Gefangenen hatten so großen Hunger, dass sie ihn töteten und aßen. Als Leonard Joy Martin mit seiner Truppe vorbei geführt wurde, warfen die Russen gerade die blanken Knochen über den Zaun.
Der Hunger sei das einzige gewesen, das ihn während der Zeit gequält hat. In seinen Briefen an seine Mutter daheim versicherte Leonard Joy Martin stets, dass es ihm gut geht. Die Wachen hätten die gefangenen amerikanischen Soldaten gut behandelt. Nur selten sei jemand verletzt worden. Einer der Wachmänner sei ein besonderer „Gentleman“ gewesen, erinnert er sich. Bei der Befreiung im April 1945 hätten sich alle Wachen sofort aus dem Staub gemacht. Nur dieser eine sei mit den Gefangenen dort geblieben.
Besonders negativ ist dem heute 88-Jährigen jedoch die Fahrt ins Gefangenenlager im Gedächtnis geblieben. Er und seine Kameraden seien damals in Belgien festgenommen worden. Von dort aus wurden sie ins Durchgangslager XI B nach Bad Fallingbostel in Niedersachsen transportiert. In einem Wagen, der für 40 Menschen oder 8 Pferde zugelassen war, wurden 120 Gefangene gesteckt. Viele von ihnen waren verletzt und mussten trotzdem den ganzen Weg über stehen, da sonst nicht genug Platz war.
Er weiß nicht, wie sie das damals überlebt haben, sagt er. Aus diesem Durchgangslager wurde Leonard Joy Martin dann erst einmal nach Teterow gebracht, wo er an den Bahngleisen der Strecke Rostock–Stettin arbeitete. Da es sehr kalt war, wurde er schwer krank und musste ins Lazarett gebracht werden. Dieses befand sich in Neubrandenburg-Fünfeichen. Dort erledigte er dann alle möglichen Arbeiten bis hin zum Haareschneiden.
Angst hatte er während seiner Gefangenschaft im Stammlager II A in Fünfeichen eigentlich nie, erklärt er. Durch die Hilfspakete aus der Heimat wussten sie, dass der Krieg bald zu Ende sein müsste. Als er einberufen wurde, gab ihm einer der Feldwebel außerdem einen guten Rat. Er sagte, falls Leonard in Gefangenschaft geraten sollte, solle er einfach den Mund halten und tun, was man ihm befiehlt. Genau das tat er – und überlebte den zweiten Weltkrieg unversehrt.

Kontakt zur Autorin
s.moll.@nordkurier.de

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