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„Wenn ich schreibe, bin ich in meiner eigenen Welt“

Die Neubrandenburgerin Gamila Kanew verbindet Tiefsinniges mit Komödiantischem.  FOTO: Cirstea
Die Neubrandenburgerin Gamila Kanew verbindet Tiefsinniges mit Komödiantischem. FOTO: Cirstea

„Mit sechs Jahren habe ich meine ersten Gedichte geschrieben. Über den Winter, über Weihnachten, über Wasser. Ganz primitive Dinge“, beginnt Gamila Kanew zu erzählen. Vor der 17-jährigen Schülerin des Neubrandenburger Sportgymnasiums liegt eine dicke grüne Mappe, in der sie ab und zu blättert, als würde sie etwas suchen. Dabei kennt sie den Inhalt in- und auswendig, so oft hat sie ihn schon durchgesprochen, so oft darin gelesen.

In der grünen Mappe versteckt sich Gamila, ihre Persönlichkeit, ihre Gedanken, ihre Sicht auf die Welt, auf die Menschen. „Wer bin ich“ ist das erste Buch der Viertorestädterin, das nun vom Mecklenburger Buchverlag veröffentlicht wird. „Ich habe bereits vorher Bücher geschrieben, sie aber nie beendet. ,Wer bin ich’ ist aus einem poetischen Text entstanden. Ich fand ihn wirklich gut, deshalb schrieb ich weiter daran. Innerhalb von drei Wochen entstand so mein Buch. Ich war gefesselt.“ Lang darüber nachgedacht, was sie schrieb, habe sie nie.

„Wenn ich meine poetische Phase habe, schreibe ich. Egal wann, egal wo.“ Inspiration habe sie aus ihrer Umgebung genommen. Aus den Menschen, aus der Natur, aus der Musik. Das Stück „Oltremare“ von Ludovico Einaudi habe sie die Schaffensphase hindurch begleitet. „Ich nehme den Leser mit auf eine Reise durch all meine Gedanken. Menschens, die ihre eigenen Empfindungen nicht in Worte fassen können, finden sie vielleicht in meinem Buch. Ich habe mich stets meiner eigenen Meinung enthalten, damit der Leser die Möglichkeit bekommt, eigene Gedanken und Gefühle zu entwickeln.“

„Wer bin ich“ sei keine Biografie, eher ein sehr langer Poetry Slam, so beschreibt die 17-Jährige ihr Werk. In dem Buch würden tiefsinnige Gedanken durch komödiantische Elemente erhellt. Grausamkeit werde durch Hoffnung durchbrochen. Es werden Themen behandelt, die das Böse im Menschen verdeutlichen, aber auch ihre guten Seiten. Frauenfeindlichkeit, Homophobie, Hoffnung und Freundschaft treffen aufeinander.

Gamila stellt Fragen und gibt keine Antworten. Nur ein dünner roter Faden begleitet den Leser durch eine Geschichte, die in Wahrheit gar keine ist. Es sind Gedanken eines Mädchens, das noch nicht weiß, wo es sich befindet und wer es eigentlich ist.
„Das Buch soll vor allem diejenigen berühren, die sonst nicht über sich nachdenken. Niemand kommt durch das Leben, ohne nachzudenken“, sagt Gamila und hält kurz inne. Wieder blättert sie in der grünen Mappe, um schließlich ein Eselsohr zu glätten. „Es ist mir lieber, jemand sagt, er findet das Buch nicht gut, als dass er gar keine Meinung dazu hat. Dann weiß ich, dass er sich damit auseinandergesetzt hat. Ich möchte auf meine Art und Weise die Welt verändern. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich nicht die ganze Welt verändern kann, aber sollte ich nur einen Menschen zum Nachdenken bewegt haben, bin ich meinem Ziel sehr viel näher gekommen.“

Die Zeit des Schreibens habe sie verändert, sagt Gamila. Vor allem die Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin Johanna Neubert habe ihr viel gegeben. Durch Neubert habe sie wahre Lebensfreude spüren können. Allein ihr Dasein habe sie fasziniert und inspiriert. Es sei ein unglaubliches Gefühl gewesen, als Neubert ihre Textstellen vorgetragen hat. „Als hörte ich das alles zum ersten Mal.“

Für Gamila ist es nicht von Bedeutung, berühmt zu werden. Das Buch sei für sie eine Möglichkeit gewesen, ihre Gedanken ordnen zu können. „Die Poesie ist mein größtes Eigentum. Es gibt eigentlich kaum etwas mit vergleichbarem Wert. Wenn ich schreibe, bin ich in meiner Welt, in der ich mir durch Worte Bilder zaubere.“

Kontakt zur Autorin
red-neubrandenburg@nordkurier.de

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