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West-Arzneitests an mehr als 400 Patienten in MV

Hunderte Patienten dienten auch im Nordosten als DDR-Testpersonen von West-Medikamenten.  FOTO: Archiv/Thomas Lehmann
Hunderte Patienten dienten auch im Nordosten als DDR-Testpersonen von West-Medikamenten. FOTO: Archiv/Thomas Lehmann

VonUwe Reißenweber
undUdo Roll

Der Skandal um die Tests westdeutscher Pharmakonzerne an DDR-Bürgern erreicht jetzt auch den Nordosten. Die Stasi-Beauftragte des Landes legt erste Fakten
auf den Tisch.

Rostock/Schwerin.Von den Arzneimittel-Tests westdeutscher Pharmakonzerne an DDR-Patienten waren auch mindestens 400 Menschen auf dem Gebiet des heutigen Mecklenburg-Vorpommern betroffen. Involviert waren Ende der 80er Jahre mindestens zehn Kliniken, darunter die Uni-Kliniken in Rostock und Greifswald. Das teilte auf Nachfrage der Erlanger Medizinhistoriker Dr. Rainer
Erices mit. Von 1988 bis 1990 gab es nach seinen Aussagen in Rostock 13 Testreihen. Aber auch in Wismar, Schwerin und Neubrandenburg gab es Medikamenten-Tests.
Die Kliniken Greifswald und Rostock wurden auch von der Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen genannt. Das Gesundheitsministerium in Schwerin sei aufgefordert worden, alles zu unternehmen, um entsprechende Akten zu sichern, sagte die Landesbeuaftragte Marita Pagels-Heineking. Das Ressort von Ministerin Manuela Schwesig (SPD) teilte mit, dass ihm selbst keine Unterlagen zu den Tests vorlägen. Der Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft MV, Wolfgang Gagzow, habe Staatssekretär Nikolaus Voss indes zugesichert, alle Möglichkeiten zu nutzen, damit die Mitglieder der Krankenhausgesellschaft den Aufklärungsprozess mit unterstützen. Dazu gehöre auch, dass die alten Patientenakten weiterhin aufgehoben werden.
Das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg bestätigte offizielle Studien mit ordentlichen Verträgen und einer Aufklärung der Patienten am Bezirkskrankenhaus. So wurde laut einer Sprecherin in der Inneren Medizin in den 80er Jahren eine Studie durchgeführt, in deren Ergebnis ein finnisches Medikament zur Behandlung einer seltenen Stoffwechselkrankheit sowohl in der DDR als auch in der BRD zugelassen wurde. Laut Medizinhistoriker Erices wurde dort auch das Herzmittel Ramipril getestet. Und da gebe es Indizien, dass nicht alle Patienten informiert worden seien.
„Jeder Einzelfall muss jetzt überprüft werden“, fordertedie Landesbeauftragtefür die Stasiunterlagen. Sie hoffe, dass MV, seinen Teil dazu beitragen werde. Das Problem sei ein gesamtdeutsches und dürfe nicht den Ländern überlassen, sondern müsse „ganz oben“ angesiedelt werden.
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