Sa. 07. Juli 2012
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Unternehmen von Redaktion

„Wurm muss Fisch schmecken“

René Gansewig, Vorstandssprecher der Neuwoba  FOTO: pr
René Gansewig, Vorstandssprecher der Neuwoba FOTO: pr
Neubrandenburg. Das Jahr 2012 ist von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Genossenschaften ausgerufen worden. Weltweit gibt es 800 Millionen Menschen – in Deutschland über 20 Millionen –, die genossenschaftlich organisiert sind. Hierzulande bilden sie damit die mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation, deren Handeln nicht maximalen Rendite- vorgaben, sondern der optimalen Leistungs- erbringung für ihre Mit- glieder vor Ort verpflichtet ist. Am 22. September werden sich 25 Wohnungs- baugenossenschaften auf dem Neubrandenburger Marktplatz unter Federführung der Neuwoba mit einem bunten Fest präsentieren. Unser Redaktionsmitglied Sebastian Haerter befragte Vorstandssprecher René Gansewig zu den Hintergründen des Genossenschaftsgedankens und zu den Schwierigkeiten dieser quasi Art Basisdemokratie.

Herr Gansewig, was schätzen Sie: Wie viel Prozent aller Befragten könnten bei einer spontanen Umfrage zum Thema Genossenschaften erklären, wie eine Genossenschaft funktioniert und was sie von anderen Unternehmensformen unterscheidet?
Vielleicht ein Viertel der Befragten, und davon sicherlich eine Menge, die mit Genossenschaften schon in irgendeiner Form in Berührung gekommen sind. Es ist nach wie vor schwierig, die genossenschaftliche Idee in Kreise außerhalb dieser Unternehmensform zu tragen.

Braucht es ein Jahr der Genossenschaften, um den Genossenschaftsgedanken stärker in die Gesellschaft zu tragen oder finden Sie ihn ausreichend im Alltag gewürdigt?
Grundsätzlich gibt es ja schon lange den jährlichen Internationalen Tag der Genossenschaften, ohne dass wir als Neuwoba bisher unsere Öffentlichkeitsarbeit großartig auf diesen Tag ausgerichtet hätten. Aber da in diesem Jahr die UNO das Internationale Jahr der Genossenschaften ausgerufen hat, haben wir uns mit unserem Dachverband – dem Verband Norddeutscher Wohnungsunternehmen – zusammengesetzt und überlegt, wie wir nochmal auf die genossenschaftliche Idee, das genossenschaftliche Wohnen und ganz allgemein auf den Fördergedanken aufmerksam machen können, der hinter all dem steckt. Ein Ergebnis dessen ist der 22. September, wo sich insgesamt 25 Wohnungsbaugenossenschaften aus dem Osten des Landes auf dem Neubrandenburger Markt bei einem bunten Genossenschaftsfest präsentieren werden.

Denken Sie, dass unter dem Aspekt der Globalisierung und dem teils ungezügelten Renditestreben der genossenschaftliche Gedanke künftig eine noch stärkere Rolle spielen wird? War das vielleicht auch ein Beweggrund für die UNO, das Internationale Jahr der Genossenschaften auszurufen?
Es gab eine Zeit, als der Sharehoulder-Value-Gedanke fast wie eine Welle über ganz Deutschland schwappte und jeder sich damit beschäftigte, wie möglichst viel Rendite zu erwirtschaften sei. Mittlerweile sind ja selbst Großkonzerne veranlasst, auf den Gedanken der Ökologie und Nachhaltigkeit zu reagieren. Der genossenschaftliche Gedanke – und von diesem bin ich zutiefst überzeugt – ist eine Idee, bei der es um die wirtschaftliche, soziale und kulturelle Förderung der Mitglieder geht, und das halte ich für eine sehr gute Sache.
Eine Genossenschaft ist im übrigen so autonom, dass sie auf der einen Seite weder verkauft werden kann, noch kann ein einzelner Gesellschafter aufgrund seiner Stärke aus der Genossenschaft Geld oder Kapital herausziehen – und das macht die Genossenschaft als alternative Unternehmensform so attraktiv auch in meinem Sinne.

Welche Formen des genossenschaftlichen Engagements haben Sie persönlich bisher am stärksten beeindruckt?
Mich beeindruckt nach wie vor die Vielfalt: von der Winzergenossenschaft bis hin zu Wohnungsbaugenossenschaften, der ganze Sektor der Geldinstitute wie etwa die Raiffeisenbank … – es gibt da ein Netzwerk, das sehr vielfältig funktioniert. Was mich darüber hinaus tief beeindruckt, ist, dass man als Vorstand einer Wohnungsbaugenossenschaft seine Ideen und Projekte im Rahmen der Basisdemokratie – nämlich vor den gewählten Vertretern – ständig präsentieren kann und muss und gleichzeitig sofort Rückmeldung bekommt, ob man auf dem richtigen Weg ist oder nicht. Das mag einem selbst passen oder nicht, aber das ist nun mal der Beteiligungsgedanke.

Haben Sie selbst als Vorstand schon Situationen erlebt, wo Sie gern anders entschieden hätten als es die Vertreterversammlung letztlich getan hat?
Es gibt solche Situationen, aber ich kann sehr gut damit umgehen, auch wenn es im ersten Moment manchmal komisch sein mag. Aber dann muss man sich eben kritisch hinterfragen. Ich sag’ immer sehr gern: Der Wurm muss nicht dem Angler schmecken, sondern dem Fisch. Ich kann damit sehr gut umgehen und bin ja noch in einem Alter, wo man lern- und lenkfähig ist.

Ist der genossenschaftliche Entscheidungsprozess bei allem Wohlwollen für die Mitglieder nicht manchmal viel schwieriger und langwieriger als in einer GmbH?
Man kann Ad-hoc-Entscheidungen treffen, es ist nur die Frage, ob diese dann auch dem Gedanken der Nachhaltigkeit entsprechen. Ich habe gleich von Anfang an begonnen, langfristige Unternehmenskonzepte aufzustellen bzw. gemeinsam aufstellen lassen, und das ist die Basis für eine erfolgreiche Arbeit. Wir haben zum Beispiel sechs eigene spezielle Wohnprojekte auf die Beine gestellt, vom betreuten Wohnen bis hin zu Wohngemeinschaften für Autisten, die in MV einzigartig ist. So können wir in Zusammenarbeit mit anderen Trägern attraktiven Wohnraum schaffen, auch für die Menschen, die am Rande der Gesellschaft stehen.

Wie sind Sie persönlich zur Genossenschaft, sprich zur Newoba, gekommen?
Als ich noch ein Kind war, war mein Vater jahrelang ehrenamtlich in der Friedländer AWG als Vorstand tätig, und ich selbst habe in einer Baugenossenschaft in Hamburg eine Ausbildung gemacht. Schließlich gab es eine Stellenausschreibung bei der Neuwoba, und ich bin Ende 1994 zurückgekommen, weil ich eine gute Perspektive hier gesehen habe. Ich habe mich sehr wohl hier gefühlt und mich ständig weiter gebildet. Und als der Aufsichtsrat im Rahmen der Altersnachfolge einen neuen Vorstand gesucht hat, wollte man bei der Neuwoba ein „Eigengewächs“ haben. Und heute ist die Neuwoba ein Großteil meines Lebens.
In den vergangenen Jahren hat es in Neubrandenburg viel Rückbauaktivitäten der Neuwoba gegeben. Wie bewerten Sie diese und was ist künftig an Bauvorhaben geplant?
Von 2007 bis 2012 haben wir zwölf Millionen Euro für den Rückbau ausgegeben, davon sechseinhalb Millionen auf dem Datzeberg. Zuerst haben mich viele für verrückt erklärt, mittlerweile hat sich das Wohngebiet konsolidiert und wir haben so gut wie keinen Leerstand in den rückgebauten Häusern. Es zeigt immer wieder: wenn man einen guten Plan hat, dann kann man bestimmte Erosionserscheinungen aufhalten oder zumindest bremsen. Auf der anderen Seite werden wir im kommenden Jahr neue Mietwohnungen im höherwertigen Bereich herstellen, und für Menschen, die im Umland wohnen und wieder in die Stadt wollen, Angebote schaffen.

Was erwartet die Gäste zum großen Abschlussfest des Genossenschaftsjahres auf dem Neubrandenburger Marktplatz am
22. September dieses Jahres? Sind vorher noch weitere Aktivitäten im Rahmen des Genossenschaftsjahres geplant?
Alle unsere Auftritte in der Öffentlichkeit, ob es Mieterfeste sind, gemeinsame Aktionen mit Partnern oder andere werden wir natürlich unter das Motto des Internationalen Jahres der Genossenschaften stellen, aber der Höhepunkt wird zweifelsohne der 22. September sein. Es wird ein buntes Angebot geben, wo wir für Jung und Alt, für Familien, für Kinder und Jugendliche Angebote rund um die Genossenschaften präsentieren werden und gipfelt dann abends in dem Open-Air-Konzert mit dem Deutschen Filmorchester Babelsberg auf dem Markt.

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