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Zum Baden in den Keller und zum Klo übern Hof

Die Karl-Liebknecht-Straße 27: Wer bis unters Dach des Mehrfamilienhauses steigt, kann das Erbauungsjahr 1908 und die Initialen des Bauherren Fritz Borde lesen. Als es noch die Prinzenstraße war, Anfang der 50er-Jahre, saß in dem Gebäude die sowjetische Kommandantur. [KT_CREDIT] FOTOS: A. Brauns/Archiv Heimatstube
Die Karl-Liebknecht-Straße 27: Wer bis unters Dach des Mehrfamilienhauses steigt, kann das Erbauungsjahr 1908 und die Initialen des Bauherren Fritz Borde lesen. Als es noch die Prinzenstraße war, Anfang der 50er-Jahre, saß in dem Gebäude die sowjetische Kommandantur. [KT_CREDIT] FOTOS: A. Brauns/Archiv Heimatstube

VonAnke Brauns

Als Hans Biersack in der Liebknecht-Straße 27 einzog, waren noch die Gitter der russischen Kommandantur vor den Fenstern. Jetzt zieht der älteste Mieter aus.

Altentreptow.Es gibt so Dinge, die prägen sich einem für immer ein. Für Hans Biersack gehört dazu das Bild, wie die Bewohner der Liebknecht-Straße 27, die Klopapierrolle unterm Arm, über den Hof zu den Plumpsklos gehen. Kein Wunder. Als er 1956 mit seiner Familie dort einzog, gab es diese stillen Örtchen und sie begleiteten ihn bis in die 80er-Jahre, als endlich Badezimmer in den Wohnungen gebaut wurden. Die Freude muss damals ähnlich groß gewesen sein wie in den 50er- Jahren, als die Familie Biersack von der Stadt eine Kochmaschine bekam, um Essen für ihre kleine Tochter kochen zu können.
„Vorher habe ich drei Kerzen auf einer Untertasse angezündet und über den Flammen die Suppe für sie warm gemacht“, erinnert sich der 84-Jährige, der in den nächsten Tagen nach 57 Jahren das Haus in der Liebknecht-Straße 27 verlässt und in die Nähe seiner Tochter nach Bernau zieht. Seine Erinnerungen nimmt Hans Biersack mit und das sind jede Menge.
Es gibt in der Heimatstube ein altes Foto des Hauses. Wenn man den roten Stern und das Stalin-Bild über der Tür sieht und daneben die Tafeln, die in russischer Sprache Auskunft geben, kann man kaum glauben, das es das gleiche Gebäude ist. Die Schwarz-Weiß-Fotografie stammt aus der Zeit, als das Haus Sitz der sowjetischen Kommandantur war.
Da war es aber schon über 40 Jahre alt. Denn erbaut hat es 1908 Fritz Borde, einer von zwei Brüdern, die beide Dachdecker waren, wie Sybille Kempf weiß. Sie interessiert sich im Rahmen der Geschichtsforschung auch für dieses Haus. Vielleicht auch, weil sie, die in der Nachbarschaft wohnt, als Kind oft mit den Russenkindern gespielt hat. Als die Kommandantur ihren Sitz in der Liebknecht-Straße 27 – früher Prinzenstraße – bezog, war das nicht ihr erstes Domizil. „Die Russen waren aus Treptow schon raus und kamen dann wieder“, sagt Sybille Kempf. Das müsse Anfang der 50er-Jahre gewesen sein.
1954 lernte Hans Biersack seine Frau beim Tanzen im Deutschen Haus kennen. Der gebürtige Berliner war als Industriearbeiter in den Ernteeinsatz nach Tützpatz delegiert worden und blieb durch die Liebe hängen. 1955 heirateten die beiden und wohnten zunächst mit Schwiegereltern und Schwager in der Poststraße. Im März 1956 wurde die Wohnung in der Liebknecht-Straße frei, ein Zimmer mehr für die fünf Erwachsenen und die mittlerweile einjährige Tochter der Biersacks. Die Russen waren gerade raus, die Fenster noch vergittert, im Haus lagen noch die Zigarettenkippen.
Wo Hans Biersack heute in seinem Fernsehsessel sitzt, waren Diensträume, damals mit bunten Wänden, erinnert er sich. Die Tür zum Nebenzimmer war damals zugemauert, dahinter befand sich das Büro des Kommandanten. Den Kachelofen in der Ecke nutzte die Familie noch bis in die 80er-Jahre. Wasser musste sie aus der obersten Etage holen, wo die Bordes wohnten und die Wasserleitung ankam. Nach Protesten seiner Frau seien im Keller zwei Badewannen mit Thüringer Badeöfen eingebaut worden, die etagenweise nach Plan genutzt werden konnten. Wer gebadet hatte, musste den Ofen wieder für den nächsten anfeuern, erzählt Hans Biersack.
Wer im Laufe der Jahrzehnte in dem Haus gewohnt hat, das bringt der 84-Jährige, den viele Treptower als Reichsbahner kennen, aus dem Stegreif nicht mehr zusammen. Aber ein turbulentes Leben ist es immer gewesen. Nach der Wende bekamen die Borde’schen Erben das Haus zurück, verkauften es aber vor einigen Jahren an einen Altentreptower. Hans Biersack hat als ältester Mieter oft eine Art Hausmeister-Funktion übernommen. Und so mancher Mieter denkt, dass die Seele des Hauses geht, wenn er jetzt in Richtung Berlin verschwindet. Er habe in Altentreptow sehr nette Leute kennengelernt, sagt Hans Biersack. Aber im Grunde tue ihm der Auszug nicht weh, „ich zieh ja nach Hause“.

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a.brauns@nordkurier.de

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