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„Bei uns darf jeder genau hinsehen“

Anke Ruthenberg und Jens Martens im Neustrelitzer TESA-Büro  FOTO: SUSANNE SCHULZ
Anke Ruthenberg und Jens Martens im Neustrelitzer TESA-Büro FOTO: SUSANNE SCHULZ

Kein Klebstreifen stand Pate
bei der Gründung der Beratungsstelle TESA, sondern die Abkürzung für Täter-Opfer-Ausgleich, Einzelfallhilfe, Soziales Training und andere Angebote. „Haften geblie- ben“ ist seither einiges
vom Wirken der in Neustre- litz und Neubrandenburg ansässigen Institution. Einrichtungsleiterin Anke
Ruthenberg und Bereichs- leiter Jens Martens
gaben Auskunft im Gespräch
mit Susanne Schulz.

Jüngst haben Sie das 15-
jährige Bestehen gefeiert.
Ist das ein Zeitraum, nach
dem eine solche Einrichtung „angekommen“ ist,
ihre Existenz nicht mehr in
Frage stellen muss?
Jens Martens:Wir stellen uns trotzdem grundsätzlich immer in Frage und fordernauch unsere Partner auf, uns kritisch zu begegnen. Eine Existenzsicherheit gibt es nie, aber unsere Entwicklung spricht für sich.

Von was für Menschen -
und wie vielen – werden
Ihre Angebote genutzt?
Jens Martens:Im Laufe der 15 Jahre haben wir rund 14000 Menschen beraten. Menschen in unterschiedlichsten Lebenslagen kommen zu uns, weil sie etwas verändern wollen. Sei es, um wieder in der Arbeitswelt Fuß zu fassen; sei es, dass Hilfe bei der Erziehungsfähigkeit nötig ist; sei es, dass jemand, der aus dem Strafvollzug kommt, sein Leben neu gestalten will.

Das setzt voraus, dass
Menschen sich erst einmal
überwinden, Rat und Hilfe
zu suchen. Auf welche Weise erfahren sie von Ihnen?
Anke Ruthenberg:Wer wirklich etwas ändern will, findet den Weg. Nicht immer ist das freiwillig. Kunden werden auch vom Jugendamt geschickt oder sind in Projekte für Straffällige eingebunden. Andere werden im Internet auf uns aufmerksam oder kommen auf Empfehlung.
Jens Martens:Am Anfang steht immer die Vereinbarung, dass unsere Kunden bereit sind, an der Lösung mitzuwirken. Ist das nicht der Fall, kann unsere Hilfe auch beendet werden. Es ist ein zeitlich befristetes Angebot, das Menschen in die Lage versetzen soll, ihr Leben wieder selbst zu regeln. Die Erfolgskontrolle gewinnt an Bedeutung: für die Nutzer wie auch für unsere Partner zum Beispiel in der Jugendhilfe, der Justiz und dem Jobcenter.

Jugend- und Familienhilfe
etwa sind Themen, die
auch von anderen Institutionen angeboten werden.
Wie positionieren Sie sich
in diesem „Markt“?
Anke Ruthenberg:Wir sehen das nicht als Konkurrenzkampf, sondern setzen auf Kooperation, auf ein großes Netzwerk mit anderen Vereinen und Institutionen. Die große Trägervielfalt bewirkt höchstens eine gesunde Art von Konkurrenz, da entscheiden spezifische Angebote.Jens Martens:Natürlich gibt es Ähnlichkeiten, aber es hat sich eine gesunde Struktur entwickelt. Bestimmte Angebote verwirklichen wir bewusst mit anderen Trägern zusammen und konzentrieren uns auf das, was wir können. Das betrifft etwa die Zusammenarbeit mit dem DRK bei der Mutter-Kind-Betreuung in der Jugendanstalt.

Dennoch kommt in kommunalen Haushaltsdebatten
die Frage auf, ob vergleichbare Leistungen mehrfach
gefördert werden.
Jens Martens:Und wir begrüßen, dass so intensiv
hingeschaut wird! Jeder Geldgeber hinterfragt natürlich Inhalte, Abläufe und Qualifikation der Arbeit und den Nachweis der verwendeten Mittel – da müssen wir uns nicht verstecken. Allen Kollegen ist sehr bewusst, dass wir mit öffentlichen Geldern arbeiten.

Haben sich denn innerhalb Ihres Spektrums im Laufe
der Zeit Schwerpunkte herauskristallisiert – womöglich andere als zu Beginn?
Anke Ruthenberg:Angefangen hat TESA mit zwei Kollegen für die Arbeit mit Straffälligen. Jetzt haben wir mehr als 20 sozialpädagogische Fachkräfte für eine Vielzahl von Themen. Familienhilfe ist hinzugekommen, auch therapeutische Angebote und Erwachsenenbildung, allein drei Kollegen kümmern sich um Projekte an Schulen. In den 15 Jahren haben wir sehr viel verändert, ausprobiert, notfalls auch verworfen – das ist schon ein Pfund, das ins Gewicht fällt.

Worauf richtet sich der
Blick in nächster Zeit?
Jens Martens:Das Thema Vernetzung gerät mehr denn je ins Blickfeld, denn neue Ideen umsetzen kann kaum ein Träger allein. Außerdem wollen wir unsere Dienstleistungsangebote auf den Großkreis abstimmen. Was in Neustrelitz und Neubrandenburg Erfolg hat, lässt sich nicht 1:1 auf Demmin oder Waren übertragen. Eine Herausforderung ist auch die Suche nach Fachkräften. Unsere Mitarbeiter müssen nicht nur qualifiziert sein, sondern auch ins Team passen – mit ihnen steht und fällt alles.

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