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Das Beten mit den Füßen

In Klein Quassow weiß die Jugend, wie man einen sonnigen Tag verbringen kann – man wirft die Angel aus.
In Klein Quassow weiß die Jugend, wie man einen sonnigen Tag verbringen kann – man wirft die Angel aus.

VonIngmar Nehls

Das fünfte Etappenziel Wesenberg ist ein Anziehungspunkt für Wasserwanderer und Radwanderer. Auch Pilger finden eine schöne Unterkunft im sanierten Gemeindehaus.

Wesenberg.„Wissen Sie, was Wesenberg und Buenos Aires gemeinsam haben?“, fragt Pastor Torsten Morche mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen. Was soll man darauf bloß antworten? „Der Grundriss der Altstadt ist gleich“, löst Morche das Rätsel auf und verweist als Quelle auf den Bürgermeister von Wesenberg, der ein ausgezeichneter Kenner der Stadtgeschichte sein soll.
Wesenberg und Wandern, das passt zusammen, nicht nur von den Anfangsbuchstaben her. Bisher zwar eher Wasserwandern und Radwandern, aber auch der Pilgerweg führt durch das Städtchen, das Ziel der vorletzten Etappe ist. Wesenberg wirbt mit dem Slogan „Das südliche Tor zum Müritz Nationalpark“. Es lohnt sich also schon, hier zu verweilen. Ein absolutes Muss für Besucher der Stadt sind laut Morche die Burg und die Villa Pusteblume mit dem Museum für Blechspielzeug und mechanische Musikinstrumente.
Pilgern ist aber kein Wanderurlaub und darum bemüht sich Morche auch, geistliche Angebote vorzuhalten wie den Reisesegen zu erteilen und die Pilger zu kurzen Tagzeitengebeten einzuladen. „Wenn es solche Angebote nicht gibt, dann ist der Weg nur ein protestantischer Lehrpfad“, sagt Morche und gibt zu, anfangs dem Pilgerweg gegenüber etwas skeptisch gewesen zu sein, gerade was die Logistik angeht.
„Hier zu pilgern ist prinzipiell eine gute Idee“, sagt Morche. Dass ein neuer Pilgerweg entstanden ist, sieht der Pastor als Zeichen dafür, dass die protestantische Kirche die Spiritualität wiederentdeckt. „Die protestantische Kirche ist sehr kopflastig. Es ist Zeit, mal wieder Herz und Seele in Gebrauch zu nehmen“, fordert Morche und sieht im Pilgern eine gute Möglichkeit. Das Beten mit den Füßen, habe er selbst noch nicht getan, irgendwann sei dies aber dran, sagt Morche.
Momentan dürfte dies aber kein großes Thema bei dem 47-Jährigen sein, denn Morche wechselt nach Hamburg Altona. Am 28. April, auf den Tag genau sieben Jahre nach Dienstantritt in Wesenberg, findet sein Verabschiedungsgottesdienst statt. „Das war ein unschlagbares Angebot“, sagt der gebürtige Rostocker, der zwar schöne Jahre im beschaulichen Wesenberg erlebt habe, sich aber eher als Städter fühlt. Das Pilgerquartier im sanierten Gemeindehaus wird aber trotzdem bleiben. Regionalpastor Wilhelm Lömpcke ist dann der Ansprechpartner für die Pilger.
Torsten Morche hat noch eine zweite rätselhafte Geschichte über Wesenberg parat. Auf dem Kirchhof steht die Große Wesenberger Linde, die über 600 Jahre alt sein soll. Eine Pastorenfrau hat sogar ein Gedicht über sie geschrieben. Das Rätselhafte an der alten Linde ist, ob sie tatsächlich so alt ist, denn dann müsste sie gleich vier verherende Brände, die von 1676 bis 1737 in der Stadt wüteten, überlebt haben. Vielleicht steht also ein kleines Wunder vor der Kirche, die um 1250 gebaut wurde.

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