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Der Husar und das liebe Geld

Einen Menschenauflauf erlebte die Glambecker Nebenstraße in Neustrelitz am 19. Oktober 1924 zur Einweihung der Gedenktafel am einstigen Wohnhaus des Husar-  en Timm. Am Rednerpult ist Landesbischof Dr. Tolzien zu sehen.  FOTO: Archiv
Einen Menschenauflauf erlebte die Glambecker Nebenstraße in Neustrelitz am 19. Oktober 1924 zur Einweihung der Gedenktafel am einstigen Wohnhaus des Husar- en Timm. Am Rednerpult ist Landesbischof Dr. Tolzien zu sehen. FOTO: Archiv

Das Schicksal des Neu- strelitzer Husaren Joachim Christian Timm in und nach den Befreiungskriegen gegen Napoleon beschäftigt die Regionalhistoriker bis heute. Eingehend hat sich Jean Bellmann mit Timms Leben in Armut befasst – hier eine Zusammenfassung seiner Recherchen.

Neustrelitz.Nach seiner Teilnahme an den Befreiungskriegen 1813 bis 1815 war das Mecklenburg-Strelitzische Husarenregiment im März 1816 aufgelöst worden. Einige Kämpfer erhielten eine neue Anstellung im leichten Infanterie-Bataillon. Die meisten wurden, ebenso wie die Kriegsinvaliden, entlassen. Die nachträgliche Invalidenliste, die der letzte Kommandeur von Graevenitz am 18.April 1816 erstellte, weist Timm als Mitglied des ehemaligen Regiments aus. An Orden und Ehrenzeichen waren ihm das preußische Eiserne Kreuz II. Klasse sowie die preußische Kriegsdenkmünze für die Jahre 1813/1814 verliehen worden.
Das Mecklenburg-Strelitzer Militärkollegium berichtete am 31. Mai 1816 an den Großherzog über die medizinischer Untersuchung ehemaliger Regimentsangehöriger. Timm habe „einen geschwollenen Artikel gehabt“, der aber wieder geheilt sei. Zehn Reichstaler für die Eroberung des feindlichen Adlers wurden als einmalige Abfindung vorgeschlagen. Ein Mitglied der Landesregierung kommentierte: „Sollte der Timm… nicht besser belohnt zu werden verdienen? Wenn der Mensch nur noch einigermaßen zum Infanterie Dienst taugen sollte würde ich … allerunterthänigst vorschlagen denselben bey der Infanterie extraordinaria anzustellen und demselben monatl. den l Rth (Reichstaler) Gratification … zu zahlen.“ Diese Anstellung ehrenhalber erfolgte jedoch nicht.
Am 6. September 1816 stimmte der Konvent der Ritter- und Landschaft des Stargardschen Kreises der Bewilligung von Pensionen für sieben ehemalige Angehörige des Husarenregiments zu. Zwei Reichstaler waren dabei auch vorgesehen für Carabinier Timm: „…wenn auch nicht wegen wirklicher Invalidität, doch als Pension für die dem ganzen Regimente so ehrenvolle Eroberung des französischen Adlers“.
Am 24. Februar 1818 verfasst Timm ein Bittgesuch an den Großherzog, in dem es heißt: „Durch den Ruf des Vaterlandes, zur Wiederherstellung verlohrener Freyheit zu streiten, verließ ich meine ländliche Arbeit… In beiden Feldzügen bin ich bemüht gewesen, der Ehre, ein Mecklenburger zu sein würdig zu werden. An allen Gefahren, welche das braveRegiment mit Ruhe bestanden habe ich Theil genommen und ich war so glücklich in der entscheidenden Schlacht bei Leipzig einen feindlichen Adler zu erobern. Des Königs von Preußen Majestät hat meine stets pünctlich geleistete Pflicht mit dem Ehrenzeichen des Eisernenkreuzes belohnt und ich würde durch diesen Vorzug vor vielen anderen… belohnt sein und mich glücklich achten, wenn nicht das Gefühl der Dürftigkeit in welcher ich mich befinde, meine Zufriedenheit störte. In der Schlacht bei Wartenburg wurde meinem Pferde; durch eine Kanonenkugel der Kopf zerschmettert, in der Todes-Angst bäumte es sich, ich fiel herunter, blieb aber im Steigbügel hangen, und wurde eine Strecke von selbigem mit fortgeschleppt, bis es tod zur Erde fiel, durch dieses fortschleppen habe ich meine Gesundheit verlohren, so daß ich das Blutspeien davon erhalten, welches mich jeder schweren Arbeit untauglich macht. Nach Auflösung des Regiments, ist mir zwar vom Großherzoglichen Militair Collegii, eine monatliche Invaliden Unterstützung von 2Rt festgesetzt, von welchen ich aber zu leben nicht im Stande bin. Mehrere Invaliden erhalten außer ihrer Pension noch eine Unterstützung vom edlen Frauenverein, indes ich, da ich wenig oder nichts verdienen kann, darben muß. Nur notgedrungen erdreiste ich mich meine Zuflucht zu meinem Allergnädigsten Landesfürsten zu nehmen, indem ich allerunterthänigst bitte: Ew. Königl. Hoheit wolle allergnädigst geruhen mich einer kleinen Versorgung, welche mich für Mangel schützt werth halten, damit ich mit ruhiger Zufriedenheit in die Zukunft sehen und für meinen Landesfürsten beten kann.“
Für den daraufhin von der Landesregierung angeforderten Bericht bescheinigte das Militärkollegium erhebliche gesundheitliche Probleme, die als Folgen des Kavalleriedienstes nach Jahren Stück für Stück aufgetreten waren. Als Möglichkeiten für eine bessere Versorgung nannte man den Aufwärterdienst bei der Bibliothek, die Aufwärterstelle beim Christiansburger Damm in Altstrelitz und eine Torwärterstelle in einer der Landstädte. Der Gartenwärterdienst, „den Timm sich zu wünschen scheint“, wurde als zu anstrengend erachtet. Im Bericht heißt es: Der „Zustand des Timm und die Ehre Mecklenburgs scheinen es zu fordern, daß keine Vacanz einer Stelle abgewartet oder die Sache mit einer Expectanz abgemacht werde, sondern daß die Sache gleich geschehen müsse…“
Die Zusicherung des Frauenvereins für die monatliche Zahlung von einem Reichstaler hatte das Militärkollegium bereits erwirkt. Zusätzlich schlug man die Verdoppelung von Timms Pension auf vier Reichstaler vor. Außerdem sollte Großherzog Georg die Kosten für die medizinische Behandlung aus der Privatschatulle begleichen.
Letzteres wies der Großherzog am 17. April 1818 an. Die Zustimmung zur Pensionsverdopplung erfolgte erst am 19.Mai 1818. Die Bedingung der Mecklenburg-Strelitzer Stände, dass künftig kein ehemaliger Angehöriger des Husarenregiments mehr eine Pension bekomme, nur weil er Invalide geworden war, ließ der Großherzog aberkategorisch ablehnen.
Rückwirkend ab Ostern 1818 erhielt Timm somit die höchste Pension, die ein Angehöriger des Husarenregiments im Soldatenrang bekam. Dennoch bemühte man sich, eine Beschäftigung für den Invaliden zu finden. Als man ihm eine Anstellung im Mondierungsdepot (einem Bekleidungs- und Ausrüstungslager für Militärbedarf) mit einem Monatsgehalt von fünf Reichstalern anbot, antwortete Timm, dass er in diesem Falle eine Wohnung im Stadtzentrum nehmen müsse. Dadurch würden sich die Kosten für den Lebensunterhalt erhöhen. Letztlich blieb seine Ablehnung aber unerheblich, weil der zu ersetzende Arbeiter wieder genesen war.
Am 18. Mai 1819 wandte sich Timm schriftlich an Herzog Carl, Georgs Halbbruder. Er schilderte seinen Dienst im Militär und fügte nach Beschreibung seiner Verwundungen an, dass alle seine Bitten um eine Brotstelle erfolglos geblieben seien. Carl möge sich bei Georg für ihn verwenden. Die Akten enthalten keinen Hinweis über die Reaktion des Großherzogs oder des Militärkollegiums.
Die Unterlagen des „Frauenvereins für die Invaliden des Husarenregiments“ aus dem Jahren 1820 bis 1829 weisen regelmäßige Zahlungen an 13 bis 15 Empfänger aus. In jedem Jahr außer 1825, als keinerlei Auszahlungen vorgenommen wurden, erhielt Timm Zuwendungen aus dieser Quelle. Hinzu kamen „außerordentliche Ausgaben“ zum Beispiel für seine Hochzeit: Am 14. April 1823 heiratete Timm eine Tochter des Bauern Johann Martin Lange aus Carlshof. In den folgenden Jahren scheint sich Timms Gesundheitszustand gebessert zu haben. 1834 wurde er zum dritten Male Vater.
Erst am 19. Juli 1853 wandte er sich wieder an Großherzog Georg mit der Bitte um jährliche Brennholzzuteilung. Am 13. August 1853 wurden ihm fünf Reichstaler ausgezahlt. Am 28. August bat Timm erneut um Hilfe, da er seit fünf Wochen erkrankt und bettlägerig war. Eine Entscheidung ist nicht überliefert, am 17. September starb der Antragsteller.
Wenn nun bei den Behörden der Eindruck entstand, die Angelegenheit sei beendet, wurden sie schnell eines Anderen belehrt: Am 3. Oktober 1853 beantragte Timms Witwe ein „Gnadengehalt“ und erwähnte die nicht realisierten Wünsche ihres Mannes nach einer Anstellung als Gartenwärter oder Diener.
Da Timm während des Militärdienstes nicht verheiratet gewesen war, lehnte die Landesregierung aber eine Witwenpension ab. Statt dessen stiftete Großherzogin Marie den Grabstein, außerdem erhielt die Witwe zehn Reichstaler zur Bezahlung der Begräbniskosten. Für den Fall finanzieller Not erhielt sie die Erlaubnis, halbjährlich das Gesuch um ein Gnadengeschenk zu erneuern. In den Unterlagen folgen nun regelmäßig im März und September Bittgesuche mit Bestätigungen der Hilfsbedürftigkeit durch den Magistrat.
Am 5. September 1861 verstarb auch Timms Frau. Ihre Tochter bat am 11. September um vier Reichstaler zur Bezahlung der Beerdigungskosten und der restlichen Miete. Nachdem auch in diesem Fall der Magistrat die Bedürftigkeit bestätigt hatte, wurden am 15. Oktober 1861 letztmalig vier Reichstaler ausgezahlt. Damit war ein Fall abgeschlossen, der mit Verwundungen im Kriegseinsatz und der Eroberung eines Feldzeichens begonnen hatte. Anzumerken bleibt:
– In der Regel wurden Pensionen, Gnadengehälter und Ähnliches nur nach Prüfung des Einzelfalles bewilligt, da man keinen automatischen Anspruch im Alter entstehen lassen wollte.
– Timm bestritt seinen Lebensunterhalt nicht allein aus den Unterstützungszahlungen. Er besserte sie durch gelegentliche Arbeiten etwa als Töpfergehilfe, Vogelfänger und Waldarbeiter auf.
– 1897 wurde Timms Grab wieder in ansehnlichen Zustand versetzt und eingefriedet. Großherzog Friedrich Wilhelm hatte angeordnet, die Kosten aus der Militär-Extrakasse zu bezahlen.
– Husar Timm erhielt kein russisches Ehrenzeichen; das ist anhand der Regimentsunterlagen nachweisbar.
– Er hat auch keinen Adler der französischen Kaisergarde erobert, denn die war am fraglichen Tage nicht dort eingesetzt, wo Timm zum Einsatz kam. Den einzigen 1813 verlustig gegangenen Adler des 1. Regiments des „Corps imperial d’artillerie de la Marine“ eroberte ein namentlich nicht feststellbarer Angehöriger des „Litthauischen Dragonerregiments“. Die Timm’sche Standarte war nur das Fahnentuch und ist seit 1833 nicht mehr nachweisbar. Damals wurden die französischen Kriegstrophäen in der Garnisonskirche Potsdam neu sortiert.
– Fast alle Feldzugsberichte, die Oberst v. Warburg als Kommandeur des Mecklenburg-Strelitzer Husarenregiments an Herzog Carl sandte, sind lückenlos erhalten. Doch der Bericht vom 16. Oktober 1813 wird seit über 140Jahren von den Historikern vermisst. Ein Schelm, der Arges dabei denkt.

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