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Dicke Datenpost aus dem All

Jens Richter (vorn) und Jens Pollux gehen im Neustrelitzer Kontrollzentrum den Satellitenflugplan des Tages durch.  FOTO: jörg Spreemann
Jens Richter (vorn) und Jens Pollux gehen im Neustrelitzer Kontrollzentrum den Satellitenflugplan des Tages durch. FOTO: jörg Spreemann

VonJörg Spreemann

In Neustrelitzer Raumfahrt- standort empfangen und verarbeiten die Mitarbeiter Satellitendaten in einem neuen Dienstgebäude. Demnächst kommt ein
13. Flugkörper dazu.

Neustrelitz.Operator Jens Richter greift in der Empfangsstation Neustrelitz des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zum Telefonhörer. Die kurze Verständigung mit dem Satellitenkontrollzentrum in Oberpfaffenhofen gehört zur Routine, wenn der Radar-
satellit TerraSAR-X am Horizont „auftaucht“ und den
Empfangsbereich unsichtbar in gut 500 Kilometern Höhe überfliegt.
Seit fünf Jahren empfängt Neustrelitz, neben Berlin der einzige DLR-Standort in den neuen Ländern, die Bilder des deutschen Radar-Auges. Insgesamt 65 Beschäftigte zählt der Standort, an dem vor 100 Jahren eine Versuchsanstalt des Reichspostzentralamtes angesiedelt wurde.
„Innerhalb von 15 Minuten können wir die Daten aufbereiten und unseren Auftraggebern zur Verfügung stellen“, berichtet Holger Maass, Chef der Abteilung Nationales Bodensegment in Neustrelitz. Der Bedarf an Geo-Daten aus dem Weltall wachse. So seien Reedereien zum Beispiel an Informationen über die Eisdecke im Nordpolarmeer ebenso interessiert wie Wissenschaftler an Bildern über Veränderungen in der Umwelt oder Katastrophen-Helfer über ihr Einsatzgebiet. Aufnahmen des Terra-Satelliten wurden laut Maass auch genutzt, um eine Piratenflotille vor Somalia ausfindig zu machen.
Per Mausklick stellt Richter die Verbindung zum Radarauge her. Mit einem Seitenblick sieht er durch die großen Fenster, wie die weiße Empfangsschüssel im Freigelände der Bahn des Satelliten langsam folgt. Vom Boden erhält der rund 1,2 Tonnen schwere Flugkörper seine Befehle und Aufgaben für die nächsten Erdumrundungen. Gleichzeitig sendet der Satellit große Datenpakete von bis zu 20 Gigabyte zur
Bodenstation.
Die Digitaluhr mit ihren großen roten Ziffern in der Schaltzentrale geht zwei Stunden „nach“. Angezeigt wird die Weltzeit UTC, früher auch als Greenwich-Zeit bekannt. Dadurch werde ein Chaos zwischen den Bodenstationen in der Welt verhindert. „Wir empfangen die Daten von zwölf Satelliten, darunter aus Indien oder den USA“, so Jens Richter. Ständig würden zum Beispiel Daten über die Sonnenaktivität nach Boulder im US-Bundesstaat Colorado übertragen. Bis zu 30 Satellitenüberflüge täglich werden in Neustrelitz betreut. Wann welcher Satellit die Region passiert, steht, mit Farben markiert, auf dem Satelliten-„Fahrplan“, der demnächst um einen weiteren ergänzt wird.
Der Datenstrom vom Himmel benötigt am Boden leistungsfähige Rechner und reichlich Speicherplatz. Nach dem schrittweisen Umzug aus dem alten Haus steht die Technik inzwischen im
neuen Gebäude. Archivmanager Jens Pollux hat ausgerechnet, dass inzwischen mit 600Terabyte in der Bodenstation eine Datenmenge gespeichert ist, die dem 30-fachen Inhalt der Neustrelitzer Stadtbibliothek entspricht. „Wir haben noch Platz für das 100fache“, sagt er.

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j.spreemann@nordkurier.de

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