Nordkurier.de

Mit der „Tusse“ durch die Seenplatte

Seenplatte. Als sie in Neu-
strelitz im Drogenrausch mit einer Handvoll Huren ver- sumpfen, ist das beileibe nicht das erste Urlaubs- abenteuer für Patrick, Henner, Mark und Simon. Seriöse Seefahrt haben die vier Berliner weniger im Sinn, als sie ihre Hausboot- Tour starten und ihre „Dahme“ in „Tusse“ umbe- nennen. Schleusenstreit, Flirts und laxer Umgang mit Regeln aller Art, aber auch die „Päckchen“, die jeder von ihnen aus dem Alltags- leben mitbringt, machen die Mischung von Launigkeit und Tiefgang aus bei den „Leichtmatrosen“, denen Tom Liehr seinen neuen Roman widmet. Der 50-Jäh- rige war Redakteur, Rund- funkproduzent und DJ und ist seit 1998 Besitzer eines Software-Unternehmens. Am Zeuthener See war er dieser Tage in „Schreib- klausur“ fürs nächste Buch und nahm sich Zeit für die Fragen von Susanne Schulz.

Vermutlich sind Sie eingefleischter Berliner.
Was hat Sie auf hiesige Gewässer verschlagen?
Meine Frau und ich rätselten Anfang 2007, was wir im Sommerurlaub unternehmen sollten, und kamen irgendwie – vermutlich hatten wir etwas über die Möglichkeit gelesen, dort führerscheinfrei zu fahren – auf die Idee, ein Hausboot zu chartern. Wir waren beide völlig ahnungslos, wussten alsoweder, was technisch auf uns zukäme (keinerlei Bootserfahrungen, ich war zur Oberschulzeit allerdings Ruderer – auf derHavel), noch, wie sich das unfassbar schöne Revier präsentieren würde. Es wurde nicht weniger als der bis dahin großartigste Urlaub, weshalb wir es schon zweimal wiederholt haben. Leider ist unser Sohn derzeit in einem Alter, das Bootsfahrten verbietet, aber wir können diesen Zeitpunkt kaum abwarten.

Wie fundamental oder wie frisch sind Ihre Erfahrungen als Freizeitkapitän?
Ich habe 2011 den „Sportbootführerschein Binnen“ gemacht, um keine Chartereinweisungen mehr absolvieren zu müssen, und war gleich insgesamt drei Wochen mit dem Hausboot unterwegs, davon übrigens fünf Tage auf „Männertour“ mit Freunden – wo die Idee für das Buch entstand. Zuletzt habe ich im Spätsommer ein Boot in Potsdam gechartert, leider nur für einen Tag. Aber ich denke tatsächlich darüber nach, eins zu kaufen. Ist leider nicht ganz billig.Insgesamt dürften es zwei Monate netto sein, die ich im Revier verbracht habe, ohne das Gefühl zu haben, es bislang ausreichend gut zu kennen – es ist ja riesig.

Abgesehen von den Begebenheiten, in die sich Ihre Helden stürzen: Welches sind Ihre Lieblingsorte unter den Schauplätzen? Was macht sie dazu?
Ich mag den winzigen Lankensee unheimlichgern, den Liegeplatz in Himmelpfort, den Weg von dort nach Lychen, aber auch die Strecke zwischen Bredereiche und Templin finde ich absolut hinreißend, obwohl ich sie schon ein Dutzend Mal gefahren bin. Menow- und Ziernsee sind schöne, pittoreske Ankerplätze, aber die gesamte Region bis hoch zu den Seen nördlich der Müritz ist einfach fantastisch. Natur pur plusAbenteuer, keine Stunde von Berlin entfernt! Was die Ortschaften anbetrifft: Himmelpfort natürlich, aber auch Mirow, Neustrelitz ist – obwohl es im Buch nicht diesen Eindruck erweckt – aus meiner Sicht eine schöne Stadt, sogar Fürstenberg mag ich irgendwie. Rheinsberg ist sicher hübsch, aber den etwas skurrilen Charme von Flecken Zechlin finde ich ansprechender. Allerdings: Landgänge sind nicht so mein Ding. Auch Übernachtungen in Marinas und Häfen nicht. Nur wenn es nicht anders geht, alsodie Fäkalientanks geleert und die Frischwassertanks gefüllt werden müssen.

Vier Männer auf einem Boot – wie viele Ihrer Bekannten
und Freundeerkennen sich in mindestens einer Figurwieder? Und wie reagieren die darauf?
Äh…noch kennt keiner den Roman – er erscheint ja gerade erst! Aber auf einer derersten Seiten steht nicht ohne Grund „Auf dem Boot bleibt auf dem Boot“ – ich bin praktisch verpflichtet, zu schweigen. Nein, Spaß beiseite. Ich denke schon, dass meine Freunde, mit denen ich gefahren bin, einigeswiedererkennen werden, was Abläufe anbetrifft. Erlebnisse und sich selbst aber schon nicht mehr. Die Geschehnisse und Figuren sind völlig fiktiv, bis auf Simon, den Handwerker – der hat tatsächlich, sagen wir: 50Prozent von jemandem, den ich gut kenne. Übrigens wissen meine Freunde, dass sie nicht im Buch vorkommen, gehen aber aus Gründen, die ich nicht verstehe, davon aus, dass es trotzdem so ist. Ansonsten ist es bei mir wie bei den meisten Schriftstellern – das Romanpersonal wird aus allerlei Zutaten gemixt, aber nicht direkt an jemanden angelehnt.

Auf der Webseite desVerlags werden den „Leichtmatrosen“ unter der Rubrik „Wem dieses Buch gefallen hat, der liest auch gerne…“ Bertolt Brecht, Erwin Strittmatter und Klaus Hoffmann zugeordnet. Wiefühlen Sie sich in diesem Kreise aufgehoben?
Ich fürchte, dieser „Nachbarschaft“ liegt schlicht ein Softwarefehler zugrunde. Wenn Sie abermals dorthin klicken, werden Sie andere Namenlesen. Brecht und Strittmatter habe ich als Mittzwanziger gelesen, eher aber aus Gründen der Vollständigkeit oder aus thematischem Interesse (Brecht), von Klaus Hoffmann noch überhaupt nichts. Es stört mich zwar nicht, neben diesen Größen genannt zu werden, aber ich glaube kaum, dass ein begeisterter Brecht-Leser auch ein begeisterter Liehr-Leser sein muss – oder umgekehrt. Eigentlich dürfte das sogar recht unwahrscheinlich sein.

„Schlicht perfekt“, lautet Ihr eigenes Urteil über Ihr Buch. Weil es Ihnen so widerfahren ist, oder weil Sie die Methode gefunden haben, das perfekte Buch zu inszenieren? (Ganz unter uns: Und die wäre?)
„Leichtmatrosen“ ist in meinen Augen perfekt, weil es vieles verbindet, ohne sich wie ein Gemischtangebot anzufühlen, also beispielsweise ein „Erotik-Thriller“, der Sex und Spannung bieten will, um irgendwiebeide Leserschaften abzufischen. Das Buch ist sehr amüsant und unterhaltsam, denke ich, bietet einen originellen Hintergrund und für viele Leser eine neue Erfahrung, die vom Hausbootfahren, zeigt aber auch tiefgründige, meiner Meinung nach sehr schön gezeichnete Figuren, die durchaus ernstzunehmende Probleme haben – es geht immerhin um essentielle Lebensfragen. Aber auch um Liebe und Freundschaft, und es gibt eine Menge Situationskomik und Wortwitz. Dazu ist die Handlung auf zehn Tage komprimiert, wodurch ich nicht genötigt war, den Fiktionsraum auf unglaubwürdige Weise zu verdichten. Die Methode habe ich nicht gefunden – ich würde sie auch gern kennen lernen, wenn es sie gibt. Was ich nicht glaube.

Bereits fertig ist auch die Hörbuchfassung, gesprochen von Schauspieler Steffen Groth. Hätte es Sie nicht vielleicht gereizt, das selbst einzulesen?
Die Frage würden Sie nicht stellen, wenn Sie mich je bei einer Lesung gehört hätten. Nicht missverstehen: Meine Lesungen machen den Zuschauern Spaß, aber meine Art des Vortrags eignet sich nicht für Hörfassungen. Ich habe es mal probiert, bei einer längeren Kurzgeschichte. Ein Techniker war dann tagelang beschäftigt, Pausen in meine Sätze einzubauen.

Gibt es tatsächlich noch keine Lesungsanfragen entlang der Handlungsroute?
Soweit ich weiß – noch nicht.

Tom Liehr: Leichtmatrosen.Verlag Rütten & Loening, Berlin. 351 Seiten, 14,99 Euro. ISBN 978-3-352-00853-5.

Mehr zu diesen Themen
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
Jetzt die Nordkurier App für Smartphone und Tablet installieren.
×