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Pendlerfamilie sagt ihrem Kutscher Adieu

VonMarlies Steffen

Am Neustrelitzer Bahnhof herrschte Freitagmorgen kurz vor vier regelrechte Partystimmung. Aber auch etwas Wehmut war für die Pendler nach Berlin dabei.

Neustrelitz.Da haben wir doch wieder was gelernt: Es gibt Busfahrer, Buslenker und Führerstandsraumausfüller! Einem, der nach Meinung seiner Passagiere die erstgenannte Spezies perfekt verkörpert, galt es am Freitag in aller Herrgottsfrühe Adieu zu sagen. Karsten Konczak aus Fürstenwalde hat neun Monate Pendler, die auf den ersten Schienenersatzverkehrbus um kurz nach vier angewiesen sind, nach Birkenwerder oder Oranienburg kutschiert. Über die Zeitentstand eine Verbindung, die wohl weder Busfahrer noch Pendler so schnell vergessen werden. „Wir sind eine prima Gemeinschaftgeworden“, konstatierte Ingo Woitha, der wie die meisten anderen unter der Woche von Neustrelitz nach Berlin pendelt. Die meisten der
Vier-Uhr-Bus-Mitfahrer arbeiten übrigens bei der Bahn, aber auch Versicherungsvertreter, Versuchstierpfleger und Mitarbeiter der IT-Branche und des Objektmanagements sind darunter.Und mitnichten fallen alle morgens in Neustrelitz aus ihren Betten.
Sylke Streilein kommt aus Wesenberg, René Barnstorf sogar aus Altentreptow. Jörg Wolf wohnt zwar in Neustrelitz, muss aber von Berlin noch weiter nach Frankfurt/Oder. Chapeau vor diesen Leuten! Rowena Schuhmacher aus Neustrelitz erinnert sich noch gut an das mulmige Gefühl im Bauch, als sie am 10. September morgens das erste Mal in den Bus stieg. Wegen der längeren Fahrzeit für den Schienenersatzverkehr musste sie wie alle eine Stunde früher los.
Doch alle gewöhnten sich schnell aneinander. Irgendeiner hatte immer ein nettes Wort parat oder einen Scherz auf den Lippen, die Stammplätze wurden akzeptiert und der Busfahrer verbreitete stets gute Laune, so dieeinhellige Meinung der Fahrgemeinschaft. Für den Abschied von „ihrem“ Karsten hatten sich die Pendler sogar speziell präpariert. IngoWoitha trieb eine rote Armbinde „Helfer der Volkssolidarität“ auf und einen Leuchtstab, mit dem er den Bus bei der Ankunft links ’ran winkte. Nach dem allgemeinen Hallo und den Erinnerungsfotos bekam der Busfahrer ein großes Schild, das an die Schienenersatzverkehr-Strecke erinnert. Fast hatte man den Eindruck, es sei einegroße Familie unterwegs. Und auch Wehmut war zu spüren, als sich die Fahrgäste um vier in den Bus setzten, um ein letztes Mal gen Berlin zu kutschieren. Vielleicht sieht man sich bald wieder, ulkte einer. Ab Sonntag fahren erst einmal wieder Züge.
Kontakt zur Autorin
m.steffen@nordkurier.de

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