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„Romantisch, aber mit Realismus“

„Strandpredigt“ (Holzstich nach Riefstahl von A. Closs um 1880)  Bild aus Privatbesitz von Sebastian Prüfer/Repro: Nordkurier
„Strandpredigt“ (Holzstich nach Riefstahl von A. Closs um 1880) Bild aus Privatbesitz von Sebastian Prüfer/Repro: Nordkurier

VonSebastian Prüfer

Das Jahr 2013 ist für die Erinnerung an den Neustre-
litzer Maler Wilhelm Rief-
stahl (1827–1888) ein in mehrerlei Hinsicht besonde-
res: Es stehen Jubiläen, Aus-
stellungen und die Enthül-
lung eines Kunstwerks an.

Neustrelitz.An Wilhelm Riefstahl wird bald mit einem Kunstwerk in Neustrelitz erinnert. Am Freitag wird es auf dem Platz, der seinen Namen trägt, eingeweiht. Eine gute Nachricht, zählt der Maler doch zu den bedeutendsten Söhnen der Stadt. Die wichtigsten Daten sind bekannt: 1827 Geburt in Neustrelitz, Schulbesuch ebendort, 1843 Studium an der Berliner Akademie der Künste, Zeichnung für Architektur- und Landschaftslithographien, 1860 Riefstahl heiratet seine Neustrelitzer Cousine Christiane, ab 1861 Alpenreisen, Erfolg seiner Gemälde, 1866 Übersiedlung nach Karlsruhe, ab 1869 Italienreisen, 1875 Direktor der Karlsruher Kunstakademie, 1878 Übersiedlung nach München, 1888 Tod ebendort.
In Neustrelitz soll nun eine Skulptur an den Künstler erinnern, die an das Gemälde „Franziskaner beim Versehgang“ anknüpft. Wir sehen die Silhouetten eines Mönches, der unterwegs zu einem Sterbenden ist, und die eines glockenschlagenden, dem Geistlichen vorangehenden Knaben. Wilhelm Riefstahl stellte diese Personengruppe vor eine grandiose Bergkulisse. Der Maler galt im 19. Jahrhundert als der Alpenmaler schlechthin. In ungezählten Variationen hat er die Welt der Berge auf die Leinwand gebracht. Er war fasziniert von der Großartigkeit der Natur, mehr aber noch von der Bodenständigkeit des alpenländischen Lebens, von der Frömmigkeit der Menschen dort.
Vielleicht konnte der Neustrelitzer Künstler auch aufgrund dieser Vorlieben in seiner Heimat nie so ganz populär werden. Zeichnete er in seiner Jugend noch den Neustrelitzer Markt, das Carolinum und das Tor der Stargarder Burg, so verschwanden diese Motive mit der Zeit aus seinem Repertoire. Und dennoch: Zum Meistermaler wurde Wilhelm Riefstahl im Norden. Ort und Zeitpunkt lassen sich sogar genau bestimmen: Die künstlerische Wende brachte ein Rügenaufenthalt im Sommer 1858.
Oft hatte der Künstler aus Neustrelitz die Insel vor der pommerschen Ostseeküste schon bereist. Ausblicke und urwüchsige Landschaft begeisterten ihn wie viele Maler zuvor. Seine erste Rügener Studie, die er in den 1840er Jahren mit nach Hause brachte, ist ein Bleistiftarbeit, die Bauernhäuser und die Dorfkirche von Vilmnitz zeigt; sie wird heute im Kupferstichkabinett Berlin aufbewahrt. 1846 entstand das Ölgemälde „Nordische Haide“, ebenfalls ein Motiv von Rügen, das 1850 mit Erfolg auf der Berliner Akademischen Kunstausstellung gezeigt wurde. 1852 und 1853 konnten auf Ausstellungen ebendort Riefstahls Ölgemälde „Rügenscher Strand“ und ein „Sonnenaufgang über der Heide in Rügen“ bewundert werden. Das „Deutsche Kunstblatt“ schrieb dazu: „W. Riefstahl mit seinem ‚Sonnenaufgang über der Haide in Rügen’ bekundet von Neuem den ungemein feinen, poetischen, fast weiblich zarten Sinn, mit dem er den einförmigen nordischen Dünenländern das Geheimniss ihres schlichten Zaubers zu entlocken weiss.“ In diesen Worten klingt es an: Die Rügener Arbeiten der 1840er und frühen 1850er Jahre waren noch ganz aus dem Geist der Romantik geschaffen – poetisch und geheimnisvoll.
Dieser Zug verschwand nun keineswegs aus dem Schaffen unseres Künstlers, er wurde jedoch angereichert mit einem weiteren, zeitgemäßen Zug. „Romantisch, aber mit vollem Realismus gesättigt, will ich malen“, schrieb Riefstahl an seine Frau Christiane. An den Werken, die Wilhelm Riefstahl in jenem denkwürdigen Sommer 1858, also vor 155 Jahren aus seinem Studienurlaub auf Rügen mitbrachte, lässt sich diese Entwicklung gut ablesen. Da sind einerseits noch ganz romantisch empfundene Stimmungslandschaften wie etwa die Ölstudie „Herbststimmung auf Rügen“ (siehe Abbildung unten). Und da sind andererseits Werke wie das „Hünengrab auf Rügen“, ebenfalls eine Ölstudie von 1858, die die Natur aber rau und unverklärt wiedergibt. Das bahnbrechende Hauptwerk des Rügenaufenthaltes war jedoch das Gemälde „Die Strandpredigt“. Es geht zurück auf den Rügener Brauch, am Strand für die Fischer und deren Familien Gottesdienste abzuhalten. Noch im selben Jahr wurde das Werk auf der Berliner Akademie-Ausstellung gezeigt. Die „Vossische Zeitung“ war des Lobes voll: „Das blaue Meer, der hell leuchtende Dünenstrand, der bräunliche reich belebte und gegliederte und doch ruhig schlichte Vorgrund, die im Duft des Äthers verklingenden Berge der fernen Küste, geben zusammen ein Bild einer heitern und doch sonntagstillen Ruhe der Natur, zu welchem die Staffage der Strandpredigt in ansprechendstem Einklang steht. Es ist ein Herz und Sinn erquickendes Bild, wie nur wenige.“
Die Besonderheit der „Strandpredigt“ liegt in der Gleichrangigkeit der Personen- mit der Naturdarstellung. Es ist eigentlich eine Kombination von zwei voneinander unabhängigen Richtungen, der Landschafts- und der Genremalerei. Kunsthistoriker bezeichnen heute Rief-stahls Verfahren als „Cross-Over“. Damals war das eine revolutionäre, durchaus umstrittene Idee. Theodor Fontane, zunächst ein begeisterter Riefstahl-Jünger, lehnte das Verfahren beispielsweise ab. Für den Künstler aus Mecklenburg-Strelitz wurde es aber eine Art „Alleinstellungsmerkmal“ – und ein Erfolgsrezept, das viele Anhänger fand.
Doch auch in anderer Hinsicht ist dieses Werk charakteristisch für das weitere Schaffen Wilhelm Riefstahls. Es gibt nämlich nicht nur eine, sondern mehrere „Strandpredigten“. Viele von Riefstahls bedeutenden Werken existieren in mehreren (bis zu acht!) Fassungen. Einerseits nutzte der Meister durchaus den Erfolg eines Gemäldes, um veränderte, oft kleinere Fassungen eines Motivs an Privatsammler zu verkaufen. Andererseits aber rang der gewissenhafte Künstler oft jahrelang um die „beste“ Lösung der künstlerisch-motivischen Aufgabe, die er sich gestellt hatte. Zum ersten Mal deutlich nachvollziehbar ist dieses Ringen für die Rügener „Strandpredigt“ (siehe Abbildung oben).
So ist 2013 ein Riefstahl-Jahr in mehrerlei Hinsicht. Vor 155 Jahren fand der Maler seine künstlerische Handschrift. Vor 125 Jahren verstarb er in München. Auf dem Neustrelitzer Platz, dessen Name an ihn erinnert, wird bald eine Skulptur zu seinen Ehren aufgestellt. Zum Jahresanfang konnte man noch die Riefstahl-Ausstellung im Stadtmuseum der Residenzstadt bewundern. Und im Sommer wird in einem Privatmuseum in Bredenfelde bei Woldegk eine kleine, aber sehenswerte Ausstellung mit über 20 Werken des Meisters zu sehen sein.

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