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Stele erinnert an Ratteyer Jugendhäuser

VonTobias Lemke

In dem Gutsdorf wurden einst die ersten Jugend- heime nach modernen Fürsorgeprinzipien gegründet. Nur wenige Meter neben den Resten der Grundmauern zeugt davon nun auch eine Gedenksäule.

Rattey.Von wegen, das alte Mecklenburg ist rückständig gewesen! Ein Klischee, dem die Häuser Bethanien und Bethlehem Mitte des 19. Jahrhunderts in Rattey widersprachen. Unter den einstigen Gutsbesitzern Bertha und Adolf von Oertzen gegründet, waren die Einrichtungen für die Jugendfürsorge nach modernen Ansichten ausgerichtet, die noch heute Geltung haben. An die Geschichte jener Häuser erinnert seit dem Wochenende nun eine Gedenkstele im Ratteyer Park.
Die Idee zur Errichtung der Stele sei im vorigen Jahr entstanden, erklärt Karsten Förster, Betreiber des Ratteyer Schlosses. So habe er von den Nachforschungen von Margrit Käthow gehört. Die Bremerin, deren Vorfahren aus Wrechen bei Feldberg stammen, erforscht seit einigen Jahren die Geschichte des Dorfes und stieß in alten Dokumenten auf die Geschichte des Wrechener Knaben Fritz Reinke, der in Rattey einen Lebenswandel durchlebte. Anhand seiner Geschichte erinnert Axel Lubinski, der sich ebenfalls mit der Historie von Mecklenburg-Strelitz im 19. Jahrhundert beschäftigt, in einem Vortrag anlässlich der Enthüllung der Stele an die ersten Jugendheime des Landes in Rattey.
„Es gibt für Mecklenburger Verhältnisse eine gute Quellenlage, was auch mit dem besonderen Wirken der Menschen hier in Rattey zu tun hat“, erklärt Lubinski. So sei gerade Bertha von Oertzen die treibende Kraft hinter der Gründung eines Hauses für sozial gefährdete Jugendliche gewesen, konnte den Überlieferungen entnommen werden. In ihrer ländlich patriarchalischen Ordnung verstanden sich die Ratteyer Gutsherren auch als Väter und Mütter ihrer Untertanen. Die Pläne für ein „Rettungshaus“ entstanden, als von Oertzens erstmals vom „Rauhen Haus“ in Hamburg und dem modernen Konzept des Theologen Wichern gehört hatten. Gearbeitet wurde demnach mit einem familiären Ansatz und mit Respekt vor den Jugendlichen, die drohten, auf die schiefe Bahn zu geraten.

Ein Glücksfall für den
Knaben Fritz Reinke
1851 ist es schließlich soweit – das erste Jugendheim Mecklenburgs wird in Privatinitiative der von Oertzen in Rattey gegründet. Die Häuser bestehen 21 Jahre lang, bis sie 1872 unter öffentlicher Hand nach Neubrandenburg verlegt werden. Der Erfolg in dieser Zeit habe den damals modernen Prinzipien in der Jugendfürsorge Recht gegeben, erklärt Lubinski. Denn von 103 entlassenen Jugendlichen seien über die Jahre in den Dokumenten 78 mit einem späteren bürgerlichen Lebensweg, 17 mit einer „schwankenden Lebensführung“ und lediglich ein kleiner Rest straffällig gewordene oder verstorbene Jugendliche aufgeführt.
Für den Wrechener Fritz Reinke etwa war Rattey „ein Glücksfall“, so Lubinski. Denn nach einer Zeit des Vagabundierens wurde er nach seiner Zeit im Jugendheim schließlich Pferdeknecht, was damals eine gut bezahlte Arbeit war. Adolf und Bertha von Oertzen können nur Vorbild sein. „Sie haben das Bewusstsein für soziale Probleme geschärft“, resümiert Lubinski seinen Vortrag.
Im Anschluss lud Karsten Förster zur feierlichen Enthüllung der Gedenkstele in den Ratteyer Gutspark ein. Seinen Platz fand das Denkmal nur wenige Meter von jener Stelle, an der noch heute Fundamentreste der Häuser Bethanien und Bethlehem zu sehen sind. Es sei erfreulich, wenn Geschichte mit solchen Erinnerungen in die Gegenwart zurückgeholt und nicht vergessen wird, meint Margrit Käthow.

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t.lemke@nordkurier.de

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