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Ach, war das toll damals mit den „Küchenweibern“

Lange suchen muss Anni Kartheuser in ihrer Beitragssammlung nicht. Sie kramt auf Anhieb jede Geschichte hervor.  Foto: A. Stegemann
Lange suchen muss Anni Kartheuser in ihrer Beitragssammlung nicht. Sie kramt auf Anhieb jede Geschichte hervor. Foto: A. Stegemann

VonAngela Stegemann

Die Geschichte der ehemaligen Kinderkombinationen
in Pasewalks Oststadt
darf nicht vergessen werden, sagt Anni Kartheuser. Die heute 90-Jährige arbeitete
in der Kiko I aus Köchin. Und erinnert sich an fast alles.

Pasewalk.Anni Kartheuser ist unumstritten eine der treuesten Leserinnen unserer Zeitung. Seit Jahrzehnten schneidet sie alles aus, das mit der Entwicklung der Stadt und mit Heimatgeschichte zu tun hat. Die Beiträge klebt sie fein säuberlich in große Hefte. Jetzt, da die Knochen nicht mehr so wollen, aber der Geist rege blieb, ist es die liebste Beschäftigung der Seniorin. In den vergangenen Wochen verfolgt sie besonders das Geschehen um den Abriss der ehemaligen Kinderkombination II in der Oststadt. „Sehr schade“, sagt sie. Hin und sich den Schuttberg ansehen kann sie nicht. Die Beine wollen nicht mehr.
Die Erinnerungen gehen zurück. Denn Anni Kartheuser arbeitete in der benachbarten Kinderkombination I, heute „Haus der fröhlichen Jahreszeiten“ als Köchin. „Meine schönste Zeit“, sagt sie. 1982 ging sie in Rente. Ihre letzten sieben Berufsjahre verbrachte die heute 90-Jährige in der Kinderkombination. Die Seniorin erinnert daran, dass sie auch schon im Kindergarten I arbeitete. Den gibt es auch nicht mehr. Heute ist es das Haus der Caritas.
Anni Kartheusers erinnert sich, wie alles begann. Da der Vater Eisenbahner war, zog die Familie 1936 von Eggesin nach Pasewalk. Anni lernte Köchin, arbeitete unter anderem im Hotel Lutz in der Marktstraße. Einen Abschluss konnte sie aufgrund der Kriegswirren nicht machen. Den holte sie mit über 50 nach, bevor sie in der Kinderkombination I zu arbeiten begann. „Wir Küchenweiber waren eine tolle Truppe“, sagt sie. Die Truppe bestand aus drei Frauen, die kochten und dreien, die für den Abwasch sorgten. Denn einen Geschirrspüler gab es damals noch nicht! Außer Abendbrot wurden alle Mahlzeiten aufgetischt. Zu bekochen waren 250 Kindergarten- und 150 Krippenkinder sowie rund 50 Angestellte. „Gekocht haben wir jeden Tag für 80 Pfennige pro Person“, erzählt Anni Kartheuser. Minderwertige Lebensmittel seien nicht auf den Tisch gekommen. Dabei mussten die Frauen natürlich erst einmal lernen, für Kinder zu kochen. Abends stellte Anni Kartheuser zuhause die Speisepläne zusammen. Dabei mussten auch die Kalorienmengen berechnet werden. Grützwurst für Kinder, das war da schon tabu. Aber in all den Jahrzehnten scheinen sich die Lieblingsgerichte der Mädchen und Jungen nicht verändert zu haben. Dazu gehörten schon damals Nudeln und Fischstäbchen. Petersilie brachte Anni Kartheuser oft aus ihrem Garten mit. Heute noch kann sie stundenlang von ihrer einstigen Arbeit erzählen.
Seit fünf Jahren lebt sie mit im Haushalt ihrer Tochter. „Vielleicht schaffen wir es noch einmal, dass ich sie ins Auto kriege und wir in die Oststadt fahren“, sagt diese. Gucken, wie es ohne den Kiko-Plattenbau aussieht. Sich das sanierte „Haus der fröhlichen Jahreszeiten“ anschauen. Das wäre Anni Kartheusers Traum. Heute allerdings, da wird sie erst einmal den Beitrag über sich selbst ausschneiden. Vielleicht bekommt der ja einen extra Rahmen.

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